Prolog

Der Augezirkel machte mittlerweile mächtige Schwierigkeiten und Patrick wurde vom Vorstand der Firma immer mehr unter Druck gesetzt das Problem nun endlich zu lösen. Wie, das hatte man ihm überlassen aber auch unmissverständlich klar gemacht, dass es endgültig sein müsste. Zum wiederholten Male fragte er sich, wie er nur in dieses Dilemma geraten war. Dabei wollte er doch nur einen guten Job haben und viel Geld verdienen. War das der Preis dafür?

Er hätte gerne Leander davon erzählt aber er traute sich nicht. Zuerst brauchte er Gewissheit, dass Leander auf der richtigen Seite stand. Bis es soweit war, würde er wohl oder übel die Dämonen beauftragen müssen, die Freundin der Auserwählten zu töten. Zumindest wenn er seinen Job behalten wollte und was noch wichtiger wog: sein Leben.

Wie schnell man in dem Geschäft mit dem Trinkwasser buchstäblich seinen Kopf verlor, war ihm erst letzte Woche vor Augen geführt worden. Überhaupt starben in letzter Zeit viel mehr Mitglieder als sonst. Aber wenn er zu den Privilegierten gehören wollte, also denjenigen die am Ende Überleben würden, hatte er keine andere Wahl.

 

Der Weg

„Hey, du, nimm deine Safttüte gefälligst wieder mit!“

Ardys Stimme klang bestimmt und fest. In diesem Moment bremste der Bus und ich musste mich mit beiden Händen an der Haltestange festhalten um nicht das Gleichgewicht in dem schmalen Gang zwischen den Sitzreihen zu verlieren. Meine Freundin stand mit dem Rücken zu mir. Ihr Blick richtete sich auf die hintere Reihe, in der bis eben zwei junge Männer gesessen hatten. Der größere der beiden wandte sich erbost zu uns und schaute Ardys feindselig an. Sein Gesicht schien erstarrt nur seine Mundwinkel zuckten bedrohlich. Er ballte seine Hände zu Fäusten.

„Bist du irre?“ Ich stieß meine Freundin in die Seite. Sie reagierte nicht. Sie würdigte mich nicht einmal eines Blickes. Ihre Augen waren starr auf den Mann gerichtet, während die anderen Fahrgäste plötzlich verstummten. Wie ich, warteten sie gespannt darauf was passieren würde.

Ohne Vorwarnung setzte sich der Mann in Bewegung, schnappte sich die Safttüte und sprang im letzten Moment, als sich die Türen des Busses bereits wieder schlossen, zu seinem Freund auf die Straße hinaus.

Die ganze Zeit über hatte ich die Luft angehalten, nun rang ich nach Atem. Ardys hatte uns unnötig in eine gefährliche Situation gebracht. In dem Moment als mir das bewusst wurde, stieg Ärger in mir auf. Allein bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können, wurde mir nachträglich noch schlecht.

„Musste das sein?“, fragte ich sie, „Die hätten sonst was mit uns anstellen können. Oder ist heute der Tag der Zivilcourage und die Fahrgäste hier wären uns todesmutig zu Hilfe geeilt? Hoffentlich begegnen die uns nicht auf der Straße und erkennen uns wieder.“

Ardys sah mich eindeutig belustigt an. „Was hast du denn? Ist doch nichts passiert. Man kann sich doch nicht alles gefallen lassen. Da sitzen ein paar Rowdys im Bus und machen was sie wollen. Sie werfen ihren Müll auf die Sitze, pöbeln die Leute an und keiner traut sich etwas dagegen zu sagen. Findest du das etwa in Ordnung?“

Ihre Augen schienen wie Feuer zu lodern, während sie jedes Wort mit Nachdruck aussprach. Nicht zum ersten Mal bewunderte ich sie für ihre bernsteinfarbenen Augen mit dem auffällig dunklen Rand um die Iris. Ardys Temperament war hochexplosiv und sie war mit einem extremen Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Gleichzeitig war sie aber auch noch mitfühlend und tolerant. Ich kannte niemanden, der war wie sie und ich konnte ihr nicht lange böse sein.

„Lass uns nicht den Tag verderben“, sagte ich, „Tante Viviane wartet sicher schon auf uns. Wir sind ohnehin spät dran.“

Ardys sah mich mitleidig an. „Madame Santino, du bist ein hoffnungsloser Fall!“, dozierte sie, „Die Welt lässt sich nicht verbessern, indem man unangenehmen Situationen aus dem Weg geht. Wir müssen mal ernsthaft an deiner Einstellung arbeiten!“ Nun grinste sie schon wieder und ich wusste, sie trug mir nichts ernsthaft nach. Unsere Freundschaft funktionierte wahrscheinlich deshalb so gut, weil es kaum zwei Frauen gab, die unterschiedlicher waren. Die Meinung der jeweils anderen zu respektieren, ihre Stärken und Schwächen zu kennen, bedeuteten nicht, ihr nicht die Meinung sagen zu können. Außerdem war ich der Ansicht, dass Ardys meine Schwächen hervorragend mit ihren Stärken ausglich. Wir bildete sozusagen eine perfekte Symbiose. Aber ich beneidete sie auch um ihren Mut.

 

 

Ging ich denn wirklich unangenehmen Situationen aus dem Weg? Gut, ich war nicht die Mutigste auf Gottes Erdboden. Ich wog aber lediglich besonnen ab, wann es sich lohnte und wann eben nicht. Darüber hinaus verschwende ich nur ungern meine Energie und Nerven für aussichtslose Kämpfe. Wie eben hier im Bus. Die Frage war doch: Änderte sich durch Ardys Verhalten irgendetwas an den Manieren der „Jungs“? Hatte sich überhaupt jemals irgendwas nachhaltig durch engagiertes Handeln geändert?

Die Antwort war nein. In einer Million Jahren werden Menschen noch genauso sein wie sie es jetzt sind. Nur die Rahmenbedingungen ändern sich ständig.

„Hör auf zu träumen, Maira! Wir müssen hier raus“, wurde ich aus von Ardys aus meinen Gedanken gerissen. Sie zerrte mich hinter sich aus dem Bus.

Wir überquerten in Ardys’ Schnellschrittweise die nächste Hauptstraße. Natürlich ohne auf den Verkehr zu achten und auch nicht darauf, dass in der Entfernung eines Steinwurfs ein Fußgängerüberweg zu finden war. So viel zu ihrem Sinn für Recht und Ordnung...

 

 

Als wir in eine der Querstraßen einbogen, löste ich meine Hand aus der ihren. Dies hatte unweigerlich zur Folge, dass Ardys ihren Schritt verlangsamte und ich wieder zu Atem kam. Nicht das erste Mal kam mir der Gedanke, dass mir etwas Sport nicht schaden könnte. Ich atmete tief ein und sah die Straße hinab. Kannte sich jemand in diesem Viertel nicht besonders gut aus, er hätte Schwierigkeiten sich zurecht zu finden und würde sich wohl innerhalb kurzer Zeit verlaufen. Die mit alten Bäumen gesäumten Straßen ähneln sich sehr. Überall gab es das grobe Kopfsteinpflaster, dem die Zeit sehr zugesetzt hat. Die ausgefahrenen Bodenwellen schadeten jedem Stoßdämpfer. Kaum ein Autofahrer fuhr hier über Schrittgeschwindigkeit. Zu Fuß war man allemal schneller und die zahlreichen Einbahnstraßen kümmerten niemanden.

Das Besondere dieser alten Straßen offenbarte sich aber nur bei Sonnenschein. Dann duftete es nach frischem Grün und die Sonne malt Muster aus Licht mit Hilfe der Lindenblätter auf die Straßen und Häuserwände. Die Kronen der uralten Linden spenden kühlen Schatten an heißen Sommertagen und ihr Rauschen im Wind übertönt den Lärm der Großstadt. Von den alten Herrschaftshäuser, die heute eher weniger betuchte Menschen beherbergten, ließen nur die Fassaden noch etwas von dem einstigen Glanz des 19. Jahrhunderts erahnen.

Als wir dann in die Grugallee mit den neueren Gebäuden gelangten, empfand ich wie immer ein wenig Wehmut. Seit Tante Viviane wegen ihrer Arthrose in den Knien kaum noch Treppen steigen konnte, war sie aus ihrer geräumigen Altbauwohnung hierhergezogen. In ihr neues Domizil mit den großen Fenstern gelangt sie nun mit dem Aufzug. Die fünf Zimmer waren ohne Schwellen miteinander verbunden. Damals, als sie auszog, wohnte ich schon nicht mehr bei ihr und auf die Frage, warum sie fünf Zimmer für sich alleine bräuchte, hatte ich bis heute keine befriedigende Antwort erhalten. Vielleicht wurde man im Alter etwas wunderlich. Meine Erfahrungen mit Menschen in diesem Alter beschränkten sich allein auf Viviane. Weitere Verwandte hatte ich nicht.

Es freute mich, die gerichteten Beete vor ihrem Haus zu sehen. Die ersten Boten des Frühlings hatten die Erde durchstoßen und versprühten mit ihren bunten Farben in der wärmer werdenden Nachmittagssonne gute Laune. Ich widerstand der Versuchung, mich auf die blaue Bank vor dem Haus zu setzen, um den Anblick einfach zu genießen. Wir waren ohnehin zu spät dran und Tante Viviane hasste Unpünktlichkeit.

 

 

Zweimal lang, zweimal kurz, Pause, und noch einmal kurz. Das war unser Klingelzeichen. Sie bestand darauf und wenn es nicht zu auffällig gewesen wäre, hätte sie sicherlich eine Kamera installieren lassen. Vor wem oder was sie Angst hatte, entzog sich jedoch meiner Kenntnis. Aber das es so war, daran bestand für mich wiederum kein Zweifel. Seit ich sie kannte, scheute sie die Öffentlichkeit. Abgesehen von Ardys, hatte ich nie Freunde mitbringen dürfen und meine übrigen Kontakte beschränkten sich auf die Bekannten meiner Tante. Ich habe ihr nie einen Vorwurf daraus gemacht. Ich hatte nie etwas vermisst. Natürlich entging mir auch nicht, dass es offensichtlich bei anderen Menschen anders war. Meine Klassenkameraden hatten sich früher oft verabredet oder wechselseitige Übernachtungspartys veranstaltet und Geburtstage zusammen gefeiert.

Ich war lieber alleine in meinem Zimmer oder habe mit Ardys etwas unternommen. Zu viele Menschen um mich herum machten mich auch heute noch nervös. Aber dies war vielleicht eine Auswirkung meiner Jugendzeit. Da es mich jedoch im Alltag nicht weiter beeinträchtigte, verschwendete ich nicht allzu viel Zeit, um darüber nachzudenken.

 

 

Ich vernahm Tantchens vertraute Sprachmelodie aus der Sprechanlage. Als sie meine Stimme hörte und Ardys Kichern im Hintergrund, drückte sie den Türöffner. Ardys hielt das Klingelzeichen ebenfalls für überflüssig.

"Es ist allzu leicht auszuspionieren. Wir sollten ihr mindestens eine Kamera installieren."

Ich musste schmunzeln. Wie nahe doch unsere Gedanken beieinander lagen.

"Viviane ist leider weder berühmt, noch gefährdet, noch lebt sie in einem Bezirk, der dies vielleicht rechtfertigt. Mit einer Kamera macht man höchstens noch auf sich aufmerksam. Bestimmte Leute denken dann wohl zwangsläufig, es gäbe hier etwas Lohnenswertes zu holen." Mit diesen Worten schob ich einen Fuß in die Tür, als sich gleichzeitig ein Mann entschuldigend an mir vorbeidrängte und sich mit gesenktem Kopf und schnellen Schrittes entfernte.

„Dir auch einen schönen Tag, du Rüpel!“, rief Ardys ihm hinterher, während ich noch verdattert in der Tür stand. Unwahrscheinlich, dass er sie noch gehört hatte.

„Wie ich schon sagte, es ist eine Lebensaufgabe Männer zu erziehen“, meinte Ardys. Dabei blickte sie mich so ernsthaft an, dass ich laut lachen musste.

„Sag Bescheid, wenn du Hilfe in gutem Benehmen brauchst.“

Für diese Worte fing ich mir einen Boxhieb auf den Arm ein.

„Kinder! Wo bleibt ihr denn? Was ist los?“, rief Tante Viviane die Treppe hinunter.

Wir folgten und rannten zwei Stufen auf einmal nehmend in den zweiten Stock und überraschten Viviane, die ungeduldig durch die geschlossene Aufzugstür in den Schacht geblickt hatte. Ich umarmte sie stürmisch und hielt sie gleichzeitig fest, um zu verhindern, dass sie das Gleichgewicht verlor. Sie vergaß dadurch, uns zu tadeln, denn sie hatte sich wegen unserer Verspätung natürlich Sorgen gemacht.

„Kommt herein. Ich habe schon gewartet.“

Ich nahm den vertrauten Geruch ihrer Wohnung wahr. Tante Viviane hatte in ihrer Jugend griechische Geschichte studiert und bis zu ihrer Pensionierung ihr Wissen als Dozentin an einer Uni in Berlin den Studenten vermittelt. Zeitlebens hatte sie alles gesammelt, was damit zusammenhängt. Die Wände waren tapeziert mit Bildern von griechischen Gottheiten und Repliken von Tellern. Unzählige Wandbehänge und Teppiche verliehen der gesamten Wohnung eine mystische Ausstrahlung.

 

Auf der Anrichte im Wohnzimmer thronte, wie gewohnt, die Miniatur eines Zentauren aus Kreta. Neben der Balkontür hat sie ein Füllhorn, ein Symbol für Glück, stehen. Es war wie immer mit frischen Blumen und Obst gefüllt. Auch verschiedene Rauchgefäße wurden von Viviane abwechselnd ihrer Funktion gemäß benutzt.

Ein vager Duft von Myrrhe und Gewürzen schien sich für alle Zeit mit meinen Erinnerungen zu verbinden. Er war immer da, allgegenwärtig, so lange ich mich erinnern kann. Und egal wann ich zu ihr kam, es war aufgeräumt und sauber. Eine lange Zeit war ich überzeugt davon gewesen, dass eine Putzfrau dafür verantwortlich war, und die stets dann kam und ihr Werk tat, wenn ich in der Schule war.

Aber das war unsinnig. Tante Viviane hatte niemals einen fremden Menschen in ihr Reich gebeten oder gar geduldet. Aber da sie immer, wie durch Zauberhand für Ordnung und Sauberkeit sorgte, hatte ich nie wirklich gelernt, wie man aufräumt und putzt. In meiner eigenen Wohnung fiel es mir entsprechend schwer.

„Du isst zu wenig!“ Tante Viviane holte mich aus meinen nostalgischen Gedanken. „Jedes Mal, wenn ich dich sehe, bist du wieder dünner geworden. Ardys, kannst du nicht mal auf Maira einwirken! Auf mich hört sie ja nicht.“

Während Viviane so redete, räumte sie hastig ein paar Zeitungsausschnitte und eine zweite, bereits benutzte Tasse weg.

Bei jedem anderen Menschen wäre mir dies entgangen. Aber mit dieser Geste begann etwas Seltsames. Vor meinen Augen spielte sich ein Akt aus einem zweitklassigen Stück ab. Eine überbemüht, locker wirkende Tante. Eine Freundin, deren fragender Blick nicht etwa mir galt. Viviane wiederum bewegte stumm den Mund an Ardys gewandt, wobei ich nicht erraten konnte, was sie sagte. Ardys hingegen schien verstanden zu haben und nickte kaum merklich.

Ich sah zwischen den Beiden fragend hin und her. So war es häufig. Dieses stumme Frage-Antwort-Spiel zwischen Viviane und Ardys, wenn etwas geschah, wo ich nicht dazu gehörte. Sie schlossen mich aus! Wie ich das hasste! Konnten Sie nicht später reden oder telefonieren? Und was war eigentlich so wichtig und geheim, das sie es mit mir nicht teilen wollten? Es hätte mich beleidigen können, wenn ich diese beiden Menschen nicht so überaus schätzen würde.

Die Beiden verstanden sich ohne Worte. Im Laufe der Jahre hatten sie es zur Perfektion gebracht, ganze Dialoge ohne ein einziges Wort zu führen – ohne mich! Nein. Beleidigt war ich nicht aber ich konnte auch nicht sagen, dass es mir gleichgültig war. Es verletzte mich.

Ardys hatte ich mit sechzehn Jahren kennen gelernt. Das war kurz nach dem meine Eltern bei einem schrecklichen Brand in Mailand ums Leben gekommen waren und ich zu Tante Viviane zog. Ardys wohnte damals im selben Haus wie Viviane. Meine Tante erteilte ihr an den Nachmittagen während des Studiums Nachhilfe. Auch wenn ich nie verstanden hatte, warum Ardys fünf Tage die Woche Nachhilfe brauchte. Die Beiden saßen täglich mindestens zwei Stunden im Studierzimmer meiner Tante und ich meist in meinem Zimmer an den Hausaufgaben. Hernach las ich und wenn Ardys fertig war, verbrachten wir den Rest des Tages zusammen.

Als Ardys Sohn viele Jahre später zur Schule kam, erhielt er ebenfalls Nachhilfe und heute, in seinem Jurastudium, holt er sich immer noch mindestens einmal die Woche Rat von Viviane. In meinem Archäologiestudium unterstützte Viviane mich auch, wo sie konnte. Aber es bereitete ihr wohl Verdruss, dass sie ihre Leidenschaft für die griechische Mythologie nicht auf mich übertragen hatte. Möglicherweise waren das die Gründe für die Geheimnistuerei und dem Ausschluss aus diesem Geheimbund. Zumindest schien Tante Viviane beschlossen zu haben, dass ich nicht dazu gehörte. Es gab mir daher jedes Mal einen Stich, wenn ich Viviane und Ardys so sah und sie mich übergingen. Gott weiß, wie oft ich schon mit mir gerungen habe, ihnen meine Meinung vor die Füße zu knallen. Und fast ebenso oft konnte ich mich nur beherrschen indem ich tief Luft holte und schnell das Thema wechselte. Ich hatte Angst die einzigen beiden Menschen in meinem Leben zu verlieren. Sicher, ich kannte noch mehr Menschen, wenn auch wenige aber von Ardys Sohn Leander einmal abgesehen, waren Ardys und Viviane meine Familie. Mehr hatte ich nicht.

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Bevor mich der Ärger ganz überwältigte, fiel mir ein, dass ich letzte Woche eine kleine, schlichte Mappe im hintersten Winkel des Antiquariats entdeckt hatte. Niemand hatte sich bisher für die schönen uralten Schriften interessiert. Es schien, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich die Arbeit als Aushilfe hier annehmen würde.

„Schau‘ Tante, dieses Schriftwerk hast du noch nicht.“ Ein linkischer Versuch ihre Aufmerksamkeit zu erheischen und ich kam mir im gleichen Moment ziemlich kindisch vor.

Meine Tante blickte auf die aufgeschlagene Mappe, die ich reichte. Ihre blauen Augen, die wie Ardys einen scharfen, dunklen Irisrand hatten, weiteten sich vor ungläubigem Staunen. Sie setzte eilig ihre Brille auf, die sie zu ihrem Leidwesen seit ihrem 73. Geburtstag tragen musste, und nahm den eingeschweißten Papyrus vorsichtig heraus. Mit den Fingern strich sie vorsichtig darüber.

Ich schätzte das Alter der Schrift auf circa 300 vor Christus. Die Buchstaben erinnerten an das frühe griechische Alphabet. Aber nicht ganz. Ich hatte die Mappe mit dem Papyrus im Keller des Antiquariats entdeckt. Hier verbrachte ich mitunter mehr als zwanzig Stunden in der Woche.

Meine Aufgabe bestand darin, den Lagerbestand zu sortieren und zu kategorisieren. Es war eine überaus schöne Beschäftigung, die mich, seit mein letztes Projekt ausgelaufen war, ein wenig von meiner geliebten Arbeit als Archäologin ablenkte. So lange ich kein neues Projekt hatte, war es die zweitschönste Arbeit für mich.

Meine Tante besaß selbstverständlich einige Bücher und Schriften in Altgriechisch und die Buchstaben waren mir bekannt vorgekommen. Ich wusste, dass sie besondere Stücke zu würdigen wusste. Dennoch hatte ich nicht mit der Reaktion gerechnet: Viviane liefen Tränen die Wangen hinab. Sie erhob sich erstaunlich leicht aus ihrem Sessel, um mich in die Arme zu schließen und mir fortwährend zu danken.

„Du erdrückst mich, Tante. Es ist doch nur ein Schriftstück!“

„Nein, Maira. Es ist nicht nur ein Schriftstück, es ist das Schriftstück!“

Verwirrt sah ich Viviane an. Sie kannte die Schrift? Was stand auf dem Papyrus?

„Maira, deine Tante meint, dies ist wohl das einzig existierende Exemplar und deswegen so besonders. Natürlich damit auch wertvoll“, antwortete Ardys stattdessen.

„Ja, das wollte ich sagen“, beeilte sich meine Tante etwas zu prompt zu versichern.

Da war er von neuem, dieser Stich in meinem Herzen. Ich gab mir einen Ruck. Es war eine Entscheidung, die ich nicht bewusst zuvor überlegt hatte. Aber jetzt war es genug. Heute würde ich mich nicht von den Beiden ausschließen lassen. Ich wollte endlich wissen was zwischen den Beiden los war und was sie mir nicht erzählten.

„Sagt mal, findet ihr es in Ordnung, dass ihr immer mit allem so geheimnisvoll tut? Ich spüre genau, dass ihr mir etwas verschweigt. Also, raus damit, was ist es oder vertraut ihr mir nicht?“

Meine Tante und meine beste Freundin sahen mich erschrocken an. Dann wandten sie sich wieder einander zu und wieder sah ich ihre Zwiegespräche ohne auch nur ein Wort verstehen zu können. Mein Blick wanderte von der einen zur anderen. Es sah nicht so aus, als ob sie beabsichtigten, mir zu antworten. Ich hatte genug von dem Theater, griff meine Tasche, verabschiedete mich kurz und verließ die Wohnung. Sollten die Beiden doch vor lauter Geheimniskrämerei verstauben.

Unten an der Haustür atmete ich tief ein und versuchte dem Zorn Herr zu werden. Ich schluckte ein paar Mal, um nicht in Tränen auszubrechen. Warum ärgerte ich mich immer wieder über die Vertrautheit der Beiden?

Die Beziehung zwischen Ardys und Viviane war eben anders als zwischen mir und meiner Tante, aber es war eben nur anders und nicht weniger intensiv. Die zwei verband nun einmal ihre Liebe zur griechischen Mythologie. Sie konnten sich stundenlang in Büchern und Schriften vergraben. Während mein Interesse diesem Thema nur am Rande galt, gerade so viel, wie ich in all den Jahren aufgeschnappt hatte oder im Studium behandelt wurde.

Damit wusste ich wohl bereits mehr als so mancher Geschichtslehrer und einige delikate Details, von denen ich wusste, standen nicht einmal in den Geschichtsbüchern. Aber im Vergleich zu Ardys und Viviane war mein Wissen verschwindend gering.

War es das, was mich so ärgerte?

Aber nein! Das war nicht der richtige Gedanke und er entsprach auch nicht meinem Gefühl. Es war das fehlende Vertrauen und der Ausschluss aus der Gemeinschaft der wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Ich hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass mich ihre Suche nach den Ursprüngen und Beweggründen einiger griechischer Götter nicht brennend genug interessierte, um mich jahrelang damit zu beschäftigen. Aber das war noch lange kein Grund mich auszuschließen.

Als Archäologin wusste ich zu gut, dass es mit den aktuellen Möglichkeiten kaum noch Geheimnisse aus vergangenen Zeiten zu entdecken gab. Allenfalls eines fernen Tages, wenn die Wissenschaft über bessere Methoden verfügen würde.

Aber alles bereits Existierende konnte doch nicht ernsthaft von jemanden als Wahrheit angesehen werden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde, oft aus politischen Gründen, vieles verändert und angepasst. Große und weniger begabte Künstler hatten bei Ausgrabungen immer wieder selbst Hand angelegt. Ruhm, Macht und die Aussicht auf Reichtum ließen aus vorher gradlinigen Wissenschaftlern, korrupte und gierige Menschen werden. Da wurden Münzen in weit entfernten Ländern aus altem Metall mit neuer Prägung versehen oder ganze Höhlenmalereien an eine ausgedachte, spektakuläre Geschichte angepasst. Selbst die uralten griechischen Mythen, die Viviane so liebt, erzählen in verschiedenen Versionen über die Beweggründe der Götter, Nymphen, Titanen und was es da noch für Hunderte Gestalten gab.

Alle Versuche, diesem Treiben ein Ende zu bereiten, waren seit jeher gescheitert. Die wenigen Menschen, die den Mut aufbrachten, ganzen Wissenschaftsbereichen oder Regierungen entgegenzutreten, wurden schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Was man nicht hören wollte, das gab es nicht. Gesellschaftlich waren solch redliche Menschen erledigt und fristeten nicht selten ein elendes Dasein in der Verbannung, fielen einem Unfall zum Opfer oder richteten sich selbst.

Manche Archäologen sind heute noch der Überzeugung, dass ganze Teile unserer Geschichte neu geschrieben werden müssten. Ich war eine von ihnen.

Fast hätte ich wegen solcher Fragen meine Diplomarbeit aufs Spiel gesetzt. Mein Professor war damals von meinen Thesen nicht besonders erbaut gewesen. Zugunsten meines Abschlusses hatte ich schlussendlich darauf verzichtet, ihn einen engstirnigen Idioten zu nennen. Bis heute fühle ich mich nicht gut damit. Wenn Menschen, einschließlich mir, sich allein wegen eines Examens mundtot machen ließen und aufhörten Fragen zu stellen, wie viel mehr verleumdete man seine Überzeugung dann unter Lebensgefahr? Aber ohne stichhaltige Beweise war es, nach meiner Meinung, eher aussichtslos zu versuchen, jahrhundertelanges Wissen aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Dabei konnte man nur verlieren.

Was mich wieder an Viviane und Ardys denken ließ. Sie haben sehr viele, äußerst kontroverse Ideen, die ich trotz ihrer übertriebenen Geheimhaltung im Laufe der Jahre erfahren hatte. Sie waren davon überzeugt, dass die Rolle der Frau in der Gesellschaft ursprünglich eine andere gewesen war.

In ihrer Forschung stützen sie sich auf Beweise in der griechischen Mythologie. Diesen Teil der Forschung konnte ich jedoch nicht nachvollziehen, was in der letzten Zeit immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten geführt hatte. Es hatte sogar zu Streit zwischen mir und Ardys geführt. Sie zog aus ihrer Arbeit den Schluss, dass man mit dem Wissen aus der Vergangenheit die Gegenwart ändern könnte. Ich glaubte daran nicht.

Aber in all den Gedanken lag stets die Frage nach dem Warum und dem Was wäre wenn. Das Warum mochte ich erforschen. Das Was wäre wenn war wohl eher das Gebiet der Philosophen und der Spekulanten.

 

 

Vom Dunkel ins Licht

 

Reifen quietschten und rissen mich aus meinen Gedanken. Fast gleichzeitig hatte mich jemand unsanft am Arm von der Straße auf den Gehweg zurückgezogen.

„Vielleicht solltest du die Art dich umzubringen noch mal überdenken.“

Als ich mich umsah, lächelte mich Leander mit seiner unnachahmlich positiven Ausstrahlung an.

„Du alleine, hier an dieser Straße? Das kann nur bedeuten, dass du mal wieder nicht einer Meinung mit meiner Mutter und Viviane warst.“

„Ach, was du nicht sagst! Hat dich Ardys angerufen oder woher weißt du das schon wieder? Muss immer einer von euch um mich herum sein?“ Meine Wut über den missglückten Nachmittag war noch nicht verflogen und Leander bekam sie ab. Ich wusste, dass ich ungerecht war, aber sollte er ruhig seiner Mutter davon berichten. Diesmal wollte ich mich nicht beschwichtigen lassen.

Leander war um einiges größer und kräftiger als ich und blickte von oben auf mich herab.

Um seinen Mund bildeten sich kleine Grübchen als er mich breit angrinste.

„Ich würde mich nie gegen dich stellen. Das weißt du hoffentlich. Mir geht das „Frauenparlament“ auch gehörig auf die Nerven. Da sind wir einer Meinung. Am schlimmsten sind aber die monatlichen Geheimtreffen mit anderen weiblichen Wesen. Da sind wir beide unerwünscht. Eigentlich komisch, wenn man bedenkt, dass du selbst eine Frau bist.“

Leander musterte mich von oben bis unten, als habe er gerade eine Entdeckung gemacht ...