• Stephanie Vonwiller

Eine Geschichte über alle Zeiten hinweg...

Aktualisiert: Juni 26



Die Birke

Erna Schrader lebte immer noch in dem grauen Haus am Ende der Straße, in dem sie schon als kleines Kind wohnte.

Vor ein paar Wochen, lernte sie die junge Frau aus der Wohnung gegenüber kennen.

Es muss ein Mittwoch gewesen sein, erinnerte sich Erna später. In der Nacht hatte es geschneit und Weihnachten stand vor der Tür. Zwar war sie auch diesmal wieder alleine, aber die Feiertage über blieben die Läden geschlossen. Erna würde also einkaufen gehen müssen.

Zuvor schlenderte über den Weihnachtsmarkt – wie sie es immer in der Adventszeit tat, wenn sie unterwegs war. Erna liebte die Atmosphäre, die Gerüche und sie liebte es, den Menschen und Familien zuzusehen.

Ihre eigenen Kinder und Enkel kamen nur alle paar Monate für einen Nachmittag zu Besuch. An Weihnachten war dafür keine Zeit. Erna verstand das.

Später, auf dem Rückweg traf sie eine junge Frau vor dem Wohnhaus. Ganz selbstverständlich half sie ihr mit den vollen Einkaufstaschen.

Erna war dankbar und nach Luft schnappend, hinter ihr die Treppe hochgestiegen.

Ab da an half ihr die Nachbarin, einmal in der Woche, mit dem Haushalt und dem Einkauf.

Mit der Zeit ging es Erna immer schlechter. Seit ihre Beine nicht mehr recht wollten, saß sie die meiste Zeit fast regungslos an ihrem Küchentisch mit der Tischdecke aus Wachstuch. Vor ihr stand eine Tasse Tee und sie blickte aus dem Fenster auf den großen Baum.

Die Nachbarin versuchte seit Tagen sie zu animieren:

„Ach Erna, wird es dir nicht zu viel, Tag für Tag auf den Baum zu schauen? Warum hörst du nicht ein wenig Radio oder liest in den Zeitungen, die ich dir mitgebracht habe?“

Als Erna nicht reagierte fuhr sie fort:

„Weißt du, wir müssen jetzt aufpassen in Deutschland, die Islamisten drohen mit Bombenanschlägen, auch bei uns. Weißt du wer das ist? Das sind die Türken und Araber, wie die aus Syrien. Manche vermuten, dass es sogar alle sein könnten die an Allah glauben. Meine Freunde verstehen überhaupt nicht, dass unsere Regierung die nicht alle einsperrt.“

Erna drehte den Kopf und blickte sie an. Dann sagte sie:

“Setz dich zu mir. Ich will dir erzählen, wie es wirklich ist. Schau, die Birke vor dem Fenster kennt alle Antworten, aber nur wer sehen kann, findet sie.

1920

„Wie oft verliert der Baum seine Blätter, bis alle Menschen wissen wie man Frieden lebt?“

Ernas Vater hatte die Antwort mit ins Grab genommen. Eine Woche nachdem er den Baum pflanzte, starb er als Widerstandskämpfer. Von putschenden Kapp-Truppen, aber die Weimarer Republik bestand weiter.

Was half es noch, dass Erna Schrader, als junges Mädchen lieblich anzusehen und voller Kampfgeist für alles ungerechte, den Anfangs dürren, kleinen Baum täglich goss, bis er groß und stark war?

Er konnte ihr den Vater nicht ersetzen, der ihr die Antwort schuldig geblieben war. Nur seine letzten Worte, sie waren ihr allgegenwärtig:

„Diese Birke ist etwas ganz besonderes und sie soll dich dein ganzes Leben lang begleiten. Ihr Stamm ist wie unsere Erde, die Äste und Zweige wie die Länder und Kontinente. Ihre Blätter aber, stellen die Menschen dar. Im Frühling werden sie geboren, im Sommer sind sie erwachsen, im Herbst werden sie schwach und im Winter sterben sie. So weißt du immer, dass keine Zeit, egal wie grausam die Menschen sie gestalten, ewig dauern wird.“

1939

Der Baum hatte bereits eine beträchtliche Größe angenommen, glaubte Erna Schrader die Antwort gefunden zu haben.

In der Überzeugung, dass nur die konsequente Einhaltung aller Verordnungen und Gesetze für dauerhaften Frieden sorgen konnte, begab sie sich zum Reichsministerium um nach einer Anstellung zu bitten.

Ab da an tat sie Dienst beim Reichssippenamt. Mit ihrer eigenen Familie entsprach sie exakt den Vorstellungen der Volksgemeinschaft. Ihr Mann tat Dienst an der Front und ihre beiden Kinder gingen täglich nach der Schule zur Hitler-Jugend.

In Folge machte das Darben aber auch vor ihrer Tür nicht halt. Doch noch immer verteidigte sie die Regierung mit ihren Aufrufen zu besserer Moral und deutschen Tugenden.

Dann lernte sie in einem Park Herrn Schumann aus Leipzig kennen. Er berichtete von Menschen die verschleppt wurden, weil sie Juden halfen oder geprügelt wurden, nach dem Lesen eines Flugblattes – das allein hätte Erna Schrader nicht ohne weiteres geglaubt. Immer wieder war sie eindringlich vor den Feinden und ihren Mitteln gewarnt worden.

Doch Herr Schuhmann zeigte ihr Fotos von Menschen, die erschossen oder gefoltert worden waren. Und er besaß Namenslisten von Vermissten. Sein Verhalten erinnerte Erna an ihren Vater, der immer darauf gebaut hatte, dass die Gerechtigkeit ans Licht kommen und alles Übel besiegt werden könne.

Auf der Heimfahrt traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag. Ihre Gedanken kreisten um die Gegenwart und sie dachte an ihren Baum. Mit der Gewissheit, der falschen Wahrheit vertraut zu haben und der Überzeugung, dass von ihr begangene Unrecht wieder gut machen zu müssen, lief sie nach Hause.

Tag täglich haderte Erna mit ihrem Schicksal und ob sie ihren Kindern die Wahrheit erzählen sollte. Seit aber der Sohn ihrer Nachbarin, seine eigene Mutter bei der Polizei angezeigt, diese eines Abends abgeholt wurde und seitdem niemand etwas von ihr gehört hatte, fehlte ihr der Mut dazu.

Sie erfand in der nächsten Zeit immer neue Auswege um die Menschen, die in ihrem Büro den Fragebogen ausfüllten und die zu erreichende Punktzahl unterschritten, nicht anzuzeigen. Alles in allem waren es wohl mehrere hundert Menschen, die dank ihrer Hilfe keinen Hausbesuch der SS zu erwarten hatten.

Eines Tages kam Frau Berger aus dem Nachbarbüro. Sie berichtete ihr in der Mittagspause über einen besonders schweren Fall, den sie an diesem Vormittag bearbeiten musste. Pflichtbewusst zögerte Frau Berger jedoch keine Sekunde, diesen Herrn Schumann aus Leipzig der Gestapo zu melden.

1947

Immer, wenn Erna Schrader nicht weiter wusste, saß sie am Küchentisch mit der Tischdecke aus Wachstuch, einer Tasse Tee vor sich und blickte ihren Baum fragend an. Warum war sie auf all die verlockenden Versprechen hereingefallen? Wie war es nur zugegangen, dass andere Menschen sie davon überzeugen konnten, etwas Gutes zu tun, das in Wirklichkeit schlecht war. Wer bestimmte eigentlich über Gut und Böse?

Erna verschloss sich immer mehr. Nach Kriegsende erhielt sie keine Anstellung. Der Mann gefallen und die Kinder verstört - vieles was Erna ihnen beigebracht hatte, galt nicht mehr. Mehr noch, die erlernten Tugenden, die ihnen bisher Sicherheit und Selbstvertrauen gaben, wurden nun misstrauisch beäugt, in Frage gestellt und Prüfungen unterzogen, deren Grundlage sie nicht kannten.

Sie hungerten mehr als zuvor und Erna Schrader musste im Rahmen der vom Alliierten Kontrollrat eingerichteten Entnazifizierungsbehörde einen Fragebogen mit 131 Fragen ausfüllen. Alle Erwachsenen wurden anschließend in eine von fünf Gruppen eingestuft, aus denen, nach alliierter Sicht, deutsche Erwachsene bestehen.

Erna wurde als gefährlich Belastete eingestuft und damit der Gruppe direkt unter den Hauptschuldigen zugeordnet. Diese galt als Nutznießer Gruppe, auch wenn Erna nicht verstand wovon sie in den letzten Jahren einen Nutzen gehabt haben sollte.

Viele hohe Beamte, im Krieg mit Einfluss und Macht, denen Erna während ihrer Arbeit begegnet war, erhielten wieder Staatsposten. Alles Menschen die aus unerklärlichen Gründen in den unteren drei Gruppen, für harmlose Mitläufer eingeordnet wurden, aber auch allesamt Menschen, die 2000 Reichsmark Strafe zahlen konnten.

Um mit ihren Kindern nicht zu hungern, arbeitete Erna tagsüber außerhalb der Stadt bei einem Bauern auf dem Feld. Sie musste die von der Maschine liegengelassenen Kartoffeln vom Feld klauben und ein paar versteckte sie immer in ihre Schürzentasche. Der Lohn war gering, aber manchmal gab der Bauer ihr am Abend einen Laib Brot obendrauf.

Auf der Heimfahrt schlug sie die vielen hungernden Kinder, die versuchten, etwas von dem Brot abzubrechen, dass aus dem Rucksack ragte.

1970

Mit 56 Jahren war sie immer noch auf die Hilfe anderer angewiesen. Wurde bald hierin, bald dorthin geschickt. Gehörte nicht zur Neuen Generation und hatte keine einflussreichen Bekannten von früher.

Wen wundert es da, dass sie sich, zufällig in die Studentenunruhen hineingeraten, verstört auf den Gehsteig setzte und unentwegt die Rechte der Menschen flüsterte, nachdem sie mit ansehen hatte müssen, wie die Polizei wahllos einen Menschen erschoss.

So sitzend fand sie Professor Eder, der ihr eine entscheidende Frage stellte:

„Sind sie auch gegen die Herrschaft von Menschen über Menschen?“ Erna Schrader durchzuckte es. Noch nie traf sie jemanden, der alle Menschenrechte in einem Satz zusammenfassen konnte.

In der darauffolgenden Zeit traf sich Erna häufiger mit dem Professor. Mit seiner Hilfe fand sie eine Anstellung in der Universität. Stets achtete er darauf, ihr eine Freude in Form von Blumen oder Pralinen zu machen. Bei ihren gemeinsamen Gesprächen ging es fast ausschließlich um Politik, insbesondere den Kapitalismus und die bürgerliche Lebensform, die Erna allzu sehr an frühere Zeiten erinnerte.

Häufig dachte sie, dass es damals genauso begann. Während die braven Bürger nach den herrschenden Gesetzen und Verordnungen lebten und sich nichts zu schulden kommen ließen, hatten alle, die nicht in diese Schublade passten, mit Sanktionen zu rechnen.

Erna Schrader würde nicht noch einmal darauf hereinfallen und so half sie, so gut es ihr möglich war, die Rote Armee Fraktion zu unterstützen.

Anfangs war sie sehr zufrieden mit ihrer Aufgabe. Nachdem aber einige Mitglieder aus den Camps in Jordanien zurückkamen, in denen sie im Untergrundkampf ausgebildet worden waren, wurde sie misstrauisch.

Ihr Verdacht erhärtete sich in den Gesprächen mit dem Professor. Immer öfter sprach er davon, dass eine Lösung nur mit Gewalt herbeigeführt werden könne.

Erna Schrader fasste einen folgenschweren Entschluss. Sie ging zur Polizei und berichtete bis ins kleinste Detail was sie wusste. In der Folge wurden führende Mitglieder verhaftet und verurteilt. Erna kündigte ihre Arbeit in der Universität wegen angeblicher, gesundheitlicher Probleme.

Nach einer kurzen Zeit der Arbeitslosigkeit wurde sie als nicht mehr vermittelbar eingestuft. Sie konnte Rente beantragen. Weil diese bei weitem nicht ausreichte, erhielt sie noch eine zusätzliche Summe vom Staat, in Form von Beihilfe. Ihre Tage verbrachte sie mit Fernsehen, Büchereibesuchen oder bei den Veranstaltungen der Kirche ein paar Straßen weiter.

2010

Als Erna Schrader mit ihrer Lebensgeschichte am Ende war, sagte sie:

„Schau, es ist Spätherbst und die Blätter fallen von meinem Baum. Im nächsten Frühjahr wachsen neue Blätter, und wieder wird es keinen Unterschied machen, an welchem Ast ein Blatt hängt. Für jedes ist Platz am Baum. Sie stellen keine Unterschiede fest und werten nicht. Vielleicht passen manche darauf auf, dass sie ihrem Nachbarn an einem heißen Sommertag Schatten spenden und an kalten Tagen wenden sie sich etwas näher zueinander.“

Die junge Frau folgte ihrem Blick. Dann nickte sie und strich zart über Ernas Hand.





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