• Stephanie Vonwiller

Kraft - Macht - Gewalt

"Wäre Gewalt gegen Menschen eine Krankheit, würden wir eine Pandemie ausrufen."



Ist Gewalt ein natürlicher Teil des Menschseins?

Diese Frage ist irritierend und man möchte sofort schreien: "Nein!" und nach einem kurzen Nachdenken, "Ja", aber so einfach ist das nicht.

Um das verstehen zu können, muss man sich generell erst damit beschäftigen, was Gewalt ist. Hierzu habe ich mich auf die Suche gemacht und an vielen verschiedenen Orten recherchiert.


  • Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gewalt in dem Bericht Gewalt und Gesundheit (2002) wie folgt, "Gewalt ist der tatsächliche oder angedrohte absichtliche Gebrauch von physischer oder psychologischer Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft gerichtet ist und die tatsächlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt."

  • Aus Philosophie.ch: "Also können wir sagen, dass Gewalt nicht nur durch die Ausübung übermäßiger individueller Gewalt definiert wird, sondern auch durch vorsätzliches Handeln, bei dem sich der Täter der Folgen und Auswirkungen seines Handelns bewusst ist. Sie kann verschiedene Formen annehmen, die alle eine Verletzung des Gewaltopfers beinhalten."

Heißt das nun, dass Gewalt nur Gewalt ist, wenn sie vorsätzlich passiert? Ist unbeabsichtigte Gewalt keine Gewalt? Also Gewalt, die im Affekt passiert, ungeplant? Das beantwortet zudem nicht die Frage, ob Gewalt ein natürlicher Teil des Menschen ist.

  • Eine alte Streitfrage unter Philosophen lautet: Ist der Mensch von Natur aus aggressiv oder macht ihn erst die Kultur dazu? (Dr. Christian Wolf)

  1. Für eine natürliche Veranlagung spricht, dass sich Aggressionen und Gewalt durch die Evolutionsgeschichte ziehen.

  2. Über Kulturen und Zeiten hinweg erweisen sich Männer als deutlich aggressiver. Nach der "Male warrior hypothesis" profitieren Männer evolutionsbiologisch von Aggression, die sie gegen Mitglieder fremder Gruppen richten: Sie ermöglicht ihnen Zugang zu Geschlechtspartnern, bringt ihnen Ressourcen und Gebietsgewinne ein.

  3. Heutige Formen von Aggressionen sind durch eine Vielzahl von Faktoren bedingt. So kann etwa früher Stress in der Kindheit Neigungen zu Aggressionen bedingen.

  4. Im Gehirn finden sich Hinweise, dass aggressive Menschen weniger in der Lage sind, aggressive Reaktionen zu zügeln.

Das bedeutet doch, Gewalt ist natürlich und wenn unbeabsichtigt ausgeübt, dann kann/darf dies nicht strafbar sein.

Dafür spricht, dass es sich in den folgenden Beispielen auch um Formen von Gewalt handelt:

  • Sportarten wie Boxen, Kickboxen, Fechten

  • Gewalttätiger Widerstand

  • Gewalt in der Schule z.B. auf dem Stuhl sitzen zu müssen während des Unterrichts, Strafarbeiten zu erhalten bei ungefragtem Reden usw.

  • Sich gegen Gewalt mit Gewalt wehren

In dieser Richtung geht es nicht weiter, aber vielleicht hilft ein Perspektivwechsel. Ich möchte mich dazu mit drei weiteren Fragestellungen beschäftigen.


1. Wie ist die aktuelle Situation in Deutschland?

"Unter „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ wurden unter anderem 14.260 Fälle von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung/Übergriffe erfasst, sowie 11.547 Mal der sexuelle Missbrauch von Kindern. 2017 wurden zudem 558.506 Körperverletzungen registriert – darunter auch viele Taten, die sich weitgehend im Verborgenen abspielten und den etwa 140.000 dokumentierten Fällen häuslicher Gewalt zugerechnet wurden. Auch hier sind die meisten Opfer weiblich. Nach Angaben des Bundesfamilienministerium hat jede vierte Frau einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt."


In Deutschland wird Gewalt gegen Frauen nicht toleriert – zumindest nicht öffentlich. Allerdings ist sie leider auch hier hinter verschlossenen Türen präsent. Die öffentliche Wahrnehmung und das Bewusstsein, dass es diese Gewalt gibt, ist allerdings kaum vorhanden und wird nicht wirklich öffentlich thematisiert.

Unsere Gesetze dazu sind umfangreich, doch es fehlt an Aufklärung und Anlaufstellen. Gerade die Betroffenen in Deutschland haben oft Migrationshintergrund und/oder einen niedrigen Bildungsstand. Komplizierte "Wege" um Hilfe zu erlangen werden eher nicht gegangen. Hier würde es sicherlich helfen, wenn es eine Art Tür-zu-Tür Betreuung gäbe. Also Menschen, die zur Aufklärung und Information unterwegs wären – nach Vorbild der Streetworker. Ein persönliches Gespräch schafft mehr Vertrauen und Zuversicht als subtile Hilfsangebote auf Internetseiten. Auch in den deutschen Medien wie Fernsehen oder Zeitungen, ist das Thema nicht sichtbar.

2. Führen Religionen, Kulturen und unterschiedliche Lebensräume erst zu Gewalt?

Aggression und Gewalt war also aus Sicht der Evolution oft sinnvoll, doch heute sind sie zu einem gesellschaftlichen Problem geworden.


Laut Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz gibt es eine latente Leidenschaft zu kämpfen und andere zu dominieren, die man in fast allen Menschen (Männern und Frauen) auslösen kann – dies hat der Psychologe bei Soldaten, Jugendgangs und anderen Gewalttätern auf drei Kontinenten dokumentiert.


"Neurobiologen wie der viel zitierte James R. Blair, Direktor am Boys Town Center for Neurobehavioral Research unterscheiden zwischen reaktiver und instrumenteller Aggression. Bei der ersten Form reagieren die Aggressoren auf (vermeintliche) Bedrohungen und verspüren dabei selbst meist negative Emotionen wie Ärger und Wut. Werden dagegen im Voraus geplante Ziele verfolgt, spricht man von instrumenteller Aggression. Zusätzlich ist Elbert bei seinen Forschungen in Kriegsgebieten wie Uganda oder Afghanistan immer wieder einer Art von Gewalt begegnet, bei der die Täter regelrecht Lust verspüren: Es ist nicht genug, den Feind zu besiegen. Er muss bluten, schreien, qualvoll sterben. The good, the bad and the ugly – gute, schlechte und hässliche Aggression nennt Elbert die drei Typen in Anlehnung an den englischsprachigen Titel eines berühmten Westerns. Auch die dritte Form – im Fachjargon appetitive Aggression – sei nicht etwa krankhaft, sondern Teil des menschlichen Wesens, meint Elbert.“


Diese Frage kann also mit Ja beantwortet werden. Die Kulturen, Religionen und Staaten sind verantwortlich, wenn Gewalt gesellschaftsfähig wird/ist. Es werden dadurch auch unglaublich viele Menschen erst zu Opfern gemacht und dann zu Tätern (z.B. Kindersoldaten). Wir haben demnach grundsätzlich ein weltweites Gewaltproblem, dass nicht behoben werden kann, indem Symptome bekämpft werden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass nicht nur der Staat und die Religionsführer, sondern jeder von uns an der Lösung beteiligt sein muss – bzw. Teil des Problems ist.

Möglichkeiten, um diesen Kreislauf nachhaltig zu verbessern sind:

  • Verhaltenstherapien, Anti-Aggressionstraining und Medikamente

  • Vorbeugung und Früherkennung

3. Warum ist Gewalt, insbesondere gegen Frauen so weit verbreitet?

Häusliche Gewalt – in den meisten Fällen werden die Auswirkungen und Symptome beschrieben, die eigentlichen Ursachen, z.B. kulturelle und religiöse Gründe, werden viel zu oft nicht erwähnt. Häusliche Gewalt hat ihren Ursprung zu einem hohen Prozentsatz in häuslicher Gewalt – das bedeutet, dass der Täter auch ein Opfer ist. Es gibt diejenigen, die z.B. mit ansehen mussten, wie ihre Mutter geschlagen/misshandelt wurde, oder diejenigen, die selbst geschlagen wurden. Beide Wahrscheinlichkeiten führen höchstwahrscheinlich entweder dazu, dass die Person eine Beziehung eingeht, in der sie vom Partner misshandelt/missbraucht wird, oder die Person wird selbst zum Täter. Häufig hat der Täter also eine gewalttätige Vorgeschichte – physischer und psychischer Missbrauch als Kind, nicht nur bei Mädchen/Frauen, auch bei Jungen/Männern muss sexueller Missbrauch in Betracht gezogen werden. Dieser Kreislauf kann nur durchbrochen werden, wenn wir anfangen, uns nicht nur auf die aktuellen Opfer, sondern auch auf die früheren Opfer, d.h. die aktuellen Täter, zu konzentrieren. Das bedeutet nicht, die Taten zu verharmlosen!

Gewalt zur Bekämpfung von Gewalt anzuwenden – das hat in der Vergangenheit noch nie funktioniert. Und auch der Freiheitsentzug ist eine Form von Gewalt und darf nur das letzte Mittel der Wahl sein. Wie im letzten Punkt schon festgestellt, muss Aufklärung und Prävention das erste Mittel sein – Vorbeugen, statt noch mehr Schaden anzurichten. Denn kriminalisierte Täter, werden in der Regel auch nach der Freiheitsstrafe keine Heiligen.


Begrifflichkeiten

Schauen wir uns jetzt noch mal die Worte, Kraft, Gewalt und Macht aus der Überschrift genauer an.


Die Kraft ist ein Wort aus dem Germanischen und bedeutet Muskelanspannung. Per se ist das Wort nicht negativ. Kraftsport und kraftvoll anpacken sind zwei Beispiele von vielen. Hier wird die Energie eines Menschen in etwas neutrales bzw. sinnvolles investiert. Kraft wird aber auch gebraucht, um physische Gewalt ausüben zu können.


Der Begriff Gewalt (Gewalttätigkeit) bezeichnet gewalttätiges Verhalten als absichtliches körperlich aggressives Verhalten gegenüber einer anderen Person (Wikipedia). Gewalt bedeutet also, dass etwas erzwungen/erreicht wird. Körperliche Gewalt braucht also noch die Kraft dazu, um zu wirken.

Dagegen hat die psychische/verbale Gewalt nichts mit Kraft zu tun. Die psychische Gewalt bedient sich unterschiedlicher Strategien, Methoden und Verhaltensweisen. Hiermit wird versucht, den Partner/Gegenüber

- zu verunsichern (in ihrem Selbstbild, ihrer Wahrnehmung, ihrem Vertrauen in sich selbst und andere, u.v.m.)

- aus dem Gleichgewicht zu bringen

- zu schwächen.

Verbale oder psychische Gewalt will also

- beleidigen

- beschimpfen

- kritisieren

- anschreien

- demütigen

- abwerten

- drohen – „Wenn Du (nicht)…, dann werde ich (nicht)…“ (Quelle: re-empowerment)

Es ist also eine Form von Gewalt, aber nicht mit Hilfe der Kraft, sondern mit Hilfe der Macht.


"Macht bedeutet die Fähigkeit einer Person oder Gruppe, auf das Denken und Verhalten einzelner Personen, sozialer Gruppen oder Bevölkerungsteile so einzuwirken, dass diese sich ihren Ansichten oder Wünschen unterordnen und entsprechend verhalten (Wikipedia)."

Macht wird also ausgeübt durch Kraft und/oder Gewalt und äußert sich psychisch und physisch. Der Begriff "häusliche Gewalt" ist demnach nicht gut gewählt. Denn in Wirklichkeit handelt es sich um ein Machtungleichgewicht, dass der dominante Partner herbeiführt, um die Kontrolle zu behalten. Nun ist offensichtlich, dass die Gleichstellung aller Menschen die Probleme lösen würde.


Ist Gewalt natürlich?

Um meine Fragestellung vom Anfang abzuschließen, ob Gewalt "natürlich" im Menschen veranlagt ist, muss ich also "Ja" sagen.


Gewalt ist grundsätzlich notwendig, um sich selbst zu schützen, aber sie ist auch notwendig, damit die Menschheit überhaupt überleben kann. Ohne z.B. den Einsatz von Gewalt wären wir nicht in der Lage, mit Problemen wie Epidemien und Naturkatastrophen fertig zu werden. Auch Innovationen wären nicht möglich, weil der "Antrieb" fehlen würde. Denn unsere Leidenschaft und unsere Emotionen sind Energie, und Energie ist die Kraft, etwas zu bewirken. Aber wie bei allem gibt es auch hier zwei Seiten, und die Aufgabe besteht nicht darin, die Gewalt per se zu verbieten, denn das würde nicht funktionieren, sondern sie in die richtige Richtung zu lenken - weg von der Macht (Gewaltmacht). Wie unter 2. beschrieben, sind Prävention und Früherkennung die besten Mittel, um dies zu erreichen, so dass Opfer nicht mehr zu Tätern werden müssen. Allein die Fortsetzung des Kampfes gegen die Symptome wird das Leiden der Menschen nicht lindern.


Allem voran ist der Begriff falsch gewählt, weil er Unsicherheiten fördert und daher blockiert. Das zeigt sich an Diskussionen zum Thema, bei dem sich nicht einmal die Experten sicher sind, wann z. B. gerade die psychische Gewalt anfängt. Ist es schon Gewalt, wenn ich meine Meinung sage und der andere sich dadurch beeinflusst vorkommt (zum Beispiel Eltern-Kind-Thematik)? Nein, natürlich nicht. Aber dieses kleine Beispiel von unglaublich vielen, zeigt auf, dass wir auch sehr dringend eine Diskussion über die Begrifflichkeit von "häuslicher Gewalt" führen müssen.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass mit der Gleichheit aller Menschen auch dieses Problem nur ein kleines wäre. Dazu kommt, dass die Ungleichheit offensichtlich seinen Ursprung im Machtanspruch hat.


Abschließend möchte ich sagen, dass dieses Thema Bücher füllen könnte und ein kleiner Artikel sicher nicht allumfassend sein kann. Ich hoffe aber, dass meine Beschäftigung mit dem Thema für den ein oder anderen eine Bereicherung und vielleicht auch Hilfe sein kann.


Weitere Quellen als im Text angegeben:

· https://www.degruyter.com/view/journals/nf/23/2/article-p77.xml Lust for violence: Appetitive aggression as a fundamental part of human nature

· http://jaapl.org/content/37/4/473.long A Meta-analysis of the Psychological Treatment of Anger: Developing Guidelines for Evidence-Based Practice