• Stephanie Vonwiller

Rezension zu "Zwei Theaterstücke" von Martin Schörle

Aktualisiert: 10. Nov 2018

Fazit: Ich muss die Stücke auf der Bühne sehen! Unbedingt! Derart gut ausgearbeiteter trockener Humor ist mir schon sehr lange nicht mehr untergekommen. Die Stücke sind so menschlich, dass man geradezu meint, hier wird etwas nacherzählt. Das erste Stück fällt für mich in die Kategorie Absurdes Theater, in dem der tragische Charakter des Beamten, durch absurde Handlungen und Monologe, eine unglaubliche Situationskomik hervorruft. Das zweite Stück würde ich als Schwank einordnen, mit einem überraschenden Wendepunkt.


Story zu „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“: Herr Fredenbeck beschreibt gleich zu Anfang dem Publikum seine Liebe zu Radiergummis. Dabei stellt er fast irre Vergleiche mit einem weißen, neuen Radiergummi an. Diesen vergleicht er mit einer Lolita: „Nimm mich, benutz mich, rubbel mich.“ Spätestens hier – und wir befinden uns noch ganz am Anfang, wird klar, dass dieser Herr offensichtlich weltfremd, verklemmt und eben „Beamter“ ist. Er betrachtet seine Arbeitsutensilien als sein soziales Umfeld. Er ist verheiratet und hat auch zwei schulpflichtige Kinder. Das jedoch, scheint wie aus einem früheren Leben zu sein. Ein Pedant, der absolut davon überzeugt ist, mit seinen unermüdlichen Einsatz die Welt zu retten. Die VBB (Vollkommene Beamtenbefriedigung) ist täglich sein höchstes Ziel.

Auch im Urlaub in Italien, so berichtet Fredenbeck den Zuschauern, kann er sich mit Hilfe einer öffentlichen Toilette von den urlaubsgebräunten, stets gut gelaunten Urlaubern in Sicherheit bringen und einer Art Beamtenalltag nachgehen. Selbstverständlich werden Besucher des Örtchens darauf hingewiesen, dass sie sich möglichst auf Deutsch zu artikulieren haben, aber ein Anliegen in schriftlicher Form, würde er auch akzeptieren.

Herrlich auch Sätze, ins Publikum geworfen, wie dieser: „Wäre es Ihnen denn gleich, ob Ihre Tochter Praktikantin im Waisenhaus ist – oder im Weißen Haus?“ Seine Überlegungen sind so witzig, dass ich mit Tränen in den Augen bald die Buchstaben nicht mehr sehen konnte – z. B. „Kommunikation unter Fischen vollzieht sich – analog den Beamten – auf einer eher subtilen Ebene, die sich nun mal nicht jedem öffnet.“

Nach und nach erfährt der Leser, wer dieser Beamte wirklich ist. Über sein Privatleben und sein Verhältnis zu den Kollegen und zum Chef, letzteres vergleicht er mit einem „wohltemperierten Nichtangriffspakt“.


Story zu „Einladung zum Klassentreffen“:

Im zweiten Stück sitzt Marina im Zug, auf dem Weg nach Hause. Carsten, ein ehemaliger Klassenkamerad ruft sie an um sie zum 20-jährigen Klassentreffen einzuladen. Anfangs kramen beide in der Vergangenheit und witzeln über die Schwächen der ehemaligen Mitschüler und was aus ihnen geworden ist. Auch hier wieder scheinbar harmlose Sätze, die im Zusammenhang urkomisch sind. Z. B. „Hmm, was brauchen Asiaten denn noch so … Reis bestimmt nicht.“ Ganz toll auch die kurzen Einwürfe der Dame aus dem Nebenabteil. Die Rückblenden zu Situationen mit Marinas Ex Mann Holger bzw. Marinas Therapeutin sind sehr gut im Stück eingefügt. Die Geschichte hat ein wirklich unerwartetes Ende, das mir sehr gut gefallen hat.

Schreibstil: Herrlich komisch und in der Ich-Form geschrieben, wird das 1. Theaterstück „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ vor meinem inneren Augen lebendig. Mir fehlt eine Überschrift am Anfang – so etwas wie „Einführung in die Szenerie“. Ich habe erst bei Zeile 15 verstanden, dass es hier noch um die Einleitung geht.

Einladung zum Klassentreffen ist als Dialog verfasst. Als Leser wechsle ich automatisch zwischen den beiden Hauptakteuren hin und her.


Titel/Cover: Das Cover zeigt offensichtlich einen Beamten, der nahe am Burnout ist. Grundsätzlich ist mir das Cover eher wie eine Schullektüre oder ein Arbeitsbuch gestaltet. Hätte mich der Autor nicht persönlich angesprochen, ich würde es wohl nicht als erste Wahl in Erwägung ziehen.


Klappentext: Der Klappentext ist sehr lang und passt so gerade auf die Rückseite. Lange Schachtelsätze machen das schnelle Begreifen, worum es in dem Buch geht, nicht leicht. Die Informationen zu gewonnenen Wettbewerben wären besser als extra Seite im Buch selbst aufgehoben. Für die Rückseite reicht die Erwähnung, dass Wettbewerbe gewonnen wurden.




#buch #bücher #lesen #theater #humor

4 Ansichten