• Stephanie Vonwiller

Rezension Musical: Sissi - Liebe, Macht und Leidenschaft

Aktualisiert: 26. Juni 2019


21.01.2016 / Festspielhaus Füssen / Musical: Sissi - Liebe, Macht und Leidenschaft / Kartenpreis: 72 €


Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Wert der Eintrittskarte den des Musicals bei weitem überstieg. Zumindest für meine Begriffe.

Hier wurde sich entweder nicht genau genug mit der Aristrokratie bzw. der damaligen Zeit im allgemeinen beschäftigt oder/und nicht auf den nötigen Wert bei der Umsetzung geachtet.

Im ersten Teil lies mich der Gedanke nicht los, dass eine Schulaufführung gleiche Qualitäten aufweist. Der zweite Teil war etwas besser gelungen.

Hauptsächlich bedient sich das Musical aus den drei Sissi-Filmen. Die bekanntesten Stellen wurden versucht wiederzugeben, was aber meines Erachtens auch nur mäßig gut gelungen ist.

Halbherzig und für mein Empfinden viel zu platt, wird einmal kurz an die Mitmenschlichkeit und an anderer Stelle an den Frieden appeliert - was wohl beides einen Bezug zur aktuellen Situation darstellen sollte. Misslungen!

Die Qualität der Schauspieler war eher mittelmäßig bis schlecht aber darauf gehe ich weiter unten genauer ein. Für die meisten der Darsteller gilt:

- der Gesang war unsauber (Töne verfehlt) leider kamen auch kaum Emotionen bei mir an.

- Die jeweilige Rolle wurde nicht "gelebt" (Haltung vor allem bei den Aristokraten Fehlanzeige, den Ungarn fehlte die "Zackigkeit").

- Sowohl der österreichische Dialekt als auch die ungarische Sprache kamen viel zu kurz.

Der Unterschied zwischen Aristrokratie, Untertanen und den Ungarn ist derart flach gezeichnet, dass eine Unterscheidung der Stände ohne Vorwissen kaum erkennbar ist.

Die Musik an sich wäre gut gewesen aber irgendwie machte dies häufig der schlechte Gesang einiger Darsteller zu Nichte (oder es lag an der Akustik des Festspielhauses - das vermag ich nicht abschließend zu beurteilen). Playback-Einlagen waren überdies grottenschlecht eingearbeitet!

Laut Programmheft, sind die Kostüme den originalen nachempfunden...

Das mag wohl stimmen, was die Farben und teilweise die Formen anbelangt. Im ersten Teil erinnerten die Kostüme eher an eine Karnevalsveranstaltung, da hauptsächlich mit billigem Tüll gearbeitet wurde - blöd, wenn man in der zweiten Reihe sitzt. Im zweiten Teil gab es weniger Tüll zu sehen...

Grundsätzlich tauchen aber auch opulente Kleider auf, die jederman in Shops finden kann, welche billige Abendroben anbieten.

Die Dirndl der bayrischen Madln erinnerten mehr als stark an Dirnen-Dirndl und in ihrer Art völlig falsch für die Zeit in der das Musical spielt. Bei den Exil-Ungarn in Paris taucht dann eine Ungarin mit Getränken auf, die ebenfalls ein bayerisches Dirndl trägt???

Albernheiten des "Personals" im ersten Teil wirkten unnatürlich, zu gewollt und waren gänzlich fehl am Platz. Im zweiten Teil wurde auf schale Witze verzichtet dafür alberte das Chorensemble bei der Krönungsszene (Schlussakt) in Ungarn herum und konnte sich kaum das Lachen verbeisen.

Die angepriesenen, außergewöhnlichen Haardesigns entpuppten sich als schlecht sitzende Perücken.

Die Kulissen sind für ein "Wandermusical" nicht schlecht durchdacht aber in Aussicht gestellte bühnentechnische Raffinessen, hoher technischer Aufwand, modernste Präsentationstechnik wie es sonst nur Filmdatstellungen vermögen? Nein! Wirklich nicht! Jede bessere Schule arbeitet so ähnlich. Die Gemälde der Kulissen sind dilletantisch und wenig überzeugend.

Die Texte der Darsteller hatten mehr als einen Stilfehler. Für mich zu häufig, wurden Formulierungen und Wörter verwendet, die in der damalgigen Zeit nicht geläufig waren bzw. von den einzelnen Ständen nicht verwendet wurden.

König Max und seine Frau Ludovika wurden als "dümmliche Bauern" dargestellt - den Grad zwischen Naturverbundenheit und Volksnähe zu bauernhaftem Benehmen nicht zu überschreiten ist sicher schwer aber wer es nicht kann, sollte es lassen.

Nun zu den Darstellern:

Sissi (Karolina Pasiersbska) überzeugte mich von Beginn an nicht. Mal von ihrem Akzent abgesehen, ließ ihre Haltung mehr als zu wünschen übrig. Weder die Prinzessin, noch die Kaiserin konnte ich ihr abnehmen.

Nené, Sissis Schwester (Julia Raich) überzeugte mit ihrem Gesang als eine der wenigen. Die Rolle der Nenè liegt ihr indes scheinbar weniger. Als die Ältere der Schwestern, die bereits auf die Rolle der Kaiserin vorbereitet worden war, benahm sie sich eher wie ein Schulmädchen. Die Mimik glich einer beleidigten Leberwurst. Ihre Haltung war jedoch passender als bei anderen.

Major Krespl (Claus J. Frankl) spielte seine Rolle am Besten von allen. Mit Witz, Schusseligkeit und dem richtigen Maß an Unterwürfigkeit überzeugte er mich. Er "lebte" die Rolle und das kam auch rüber. Sein Gesang überzeugt ebenfalls passend zur Rolle.

Franz Joseph (Alexander Donesch) spielte mit Leidenschaft. Allerdings machte sein Text manches zu Nichte, da seine bekannte Steifheit nicht durchgängig war. Zwischendurch mit offener Jacke (erster Teil) vor den Damen oder "hingefläzt" auf dem Sofa. Hallo? Gesang war ok.

Erzherzogin Ludovika (Margot Loibnegger) überzeugte mit dem Gesang und hatte auch ihre Rolle gut verinnerlicht. Sie überzeugte mich auch wenn mancher Part etwas unglücklich verlief (Gespräch mit Nené nach der Zurückweisung durch Franz oder Fest in Possenhofen bevor die Kaiserin auftaucht). Die Fehler liegen meines Erachtens aber nicht auf schauspielerischer Seite. Hier müssten sich andere an die Nase fassen.

Erzherzog Max (Alois A. Walchshofer) spielte gut. Allerdings spielte er die Rolle sehr ambivalent. Oft hatte ich den Eindruck er spielt König Max und dann wieder den Vater von Kaiser Franz - beide Charaktere waren vertreten. Gewollt, durch das Fehlen dieser Rolle?

Graf Andrassy (Fabian Klatt) nimmt man den Ungarn null und gar nicht ab. Schade. Keine Kraft und kein ungarisches Selbstbewusstsein, welches ich als Zuschauer klischeemäßig erwarte. Seine Leistung generell war aber sehr gut.

Erzherzogin Sophie (Adelheid Brandstetter) spielte sehr gut und meist überzeugend - manchmal zu "lieb". Ihre Haltung war sehr gut nur die großen schnellen Schritte (die im übrigen auch andere "Aristokraten" inne hatten) passten nicht zur Rolle.

Menschen, die hochkarätige Musicals, Konzerte und Theaterbesuche erlebt haben, wird es wohl ebenso bzw. ähnlich gehen. Ich habe etwas erwartet, welches ich in Verbindung mit früheren Aufführungen setzte und war sehr enttäuscht.

Viele Besucher jedoch waren begeistert, klatschten und trampelten fast euphorisch. Den meisten schien es gefallen zu haben und vielleicht bin ich auch nur besonders "pingelig". Am Ende wird sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden müssen :-)

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