• Stephanie Vonwiller

Solltest Du ein Buch schreiben?


Gefühlt, schreibt heute jeder ein Buch oder hat es zumindest vor. Da kommt einem der eigene Beruf wie ein Hobby vor. Wie früher das Malen-nach-Zahlen wird heutzutage das Schreiben eines Buches angepriesen. Jeder will es machen und jeder glaubt, er kann es. Zugegeben, ich selbst versuchte mich an Gemälden, die mittels Zahlen, sogar Unbegabten tolle Erfolge versprachen. Aber das war es dann auch schon. Meine Katze sah eher aus wie ein Meerschweinchen und die Farben verschwammen ineinander, als ob ich das Bild im Regen gemalt hätte. Damit endete meine Karriere. Eine berühmte Malerin würde ich nicht werden.


Natürlich bedarf es zu solcher Einsicht, einer gewissen Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstreflexion. Genau diese beiden Eigenschaften sind es, die vielen Menschen zu fehlen scheinen. Sehr häufig, also eigentlich ziemlich oft, höre ich von Schreibenden, dass sie von Filmen oder Büchern inspiriert wurden selbst zu schreiben. Nicht selten berufen sie sich in ihren Klappentexten und Werbeposts darauf und ich lese Sätze wie: Wem Herr der Ringe gut gefallen hat, der mag auch dieses Buch."

Das finde ich sehr witzig, denn es zeigt deutlich, dass entsprechende Filme und Bücher gut gemacht worden sind, wenn die Konsumenten meinen, sie könnten das auch. Sehr, sehr selten ist es dann auch so ;-) . Mal von der Frage abgesehen, wer all die ähnlichen Storys lesen will...


Ratgeber erfreuen sich auch großer Beliebtheit. Hier geht es meist nicht darum, ob der Text gut geschrieben ist. Hauptsache die Leser können wie Voyeure bei RTL 2 die (öde) Geschichte des Autors mitverfolgen. Und zum millionsten Mal veröffentlicht wieder jemand eine Abnehm-, Missbrauchs- oder Burnoutgeschichte...


Gut, halten wir dagegen, dass es viele Menschen gibt, die an derartiger Lektüre interessiert sind. Warum ist mir nicht klar, denn als Ratgeber taugen diese Art Bücher nicht. Sie sind laienhaft und nicht "allgemeingültig". Keine nachhaltige Information, nichts womit der Konsument arbeiten kann und schon überhaupt nichts, was ihn geistig weiterbringt.

Was aber die Fangemeinde oft nicht davon abhält sich für die Lösungsansätze zu begeistern. Im Prinzip liest er zumeist seine eigene Geschichte in anderer Form. Und immer häufiger beschließen diese Leser, selbst ihre Geschichte aufzuschreiben. Das es am Ende ist wie vorher, scheint nicht zu stören. Aber vielleicht hilft es ihnen ihr eigenes unspektakuläres Dasein besser zu machen. Sei's drum.


Zu allen Zeiten wollten Menschen immer das haben und machen, was eher wenigen oder Randgruppen vorbehalten war. Vor allem "sichtbar " sein. Und das um jeden Preis. Heutzutage bei den vielen TV-Shows wie Voice of Germany, GNTM und anderen zu beobachten. YouTube Star ist auch ein erklärtes Ziel und natürlich Autor. Seit der Einführung des Selfpublishing, bei dem jeder einen Text in kurzer Zeit als Buch ins Netz stellen kann, explodiert dies förmlich. Und wirklich! Bald jeder, der seinen Erstling veröffentlicht, glaubt, dass dies der Durchbruch in der Literatur ist und es nur eine Frage von Stunden oder maximal Tagen ist, bis sich der Erfolg einstellt. Bleibt dieser dann aus, ist nicht etwa die eigene Leistung oder Talent schuld, sondern natürlich die Gesellschaft, die einfach noch nicht bereit ist. Noch besser, wenn mir Autoren erzählen, dass die Leser und Kritiker keine Ahnung haben und man nur die entsprechende Zielgruppe erreichen müsste. Na sicher!

Das wäre vielleicht auch nicht so schlimm geworden, wenn es nicht tausende Aufrufe gäbe, dass jeder ein Buch schreiben kann.


Aber nirgends steht, dass jeder ein Buch schreiben muss!


Wortschatz 500

Viele Autoren und Leser, die sich stetig weiterentwickeln, lesen kaum noch Bücher von Selfpublishern. Und wenn, empfiehlt es sich vorab, den Verfasser im Internet zu überprüfen.


Ich habe da so ein Gefühl, wer eigentlich heutzutage Bücher schreibt und vielleicht wird dies irgendwann durch eine Statistik bestätigt.

Derzeit sieht meine Gefühlsstatistik so aus:

15 % Hausfrauen und Mütter

8 % Arbeitslose mit Schulabschluss

35 % Arbeitslose ohne Schulabschluss

3 % Frührentner

18 % Rentner

11 % Studenten und Schüler

10 % Angestellte/Quereinsteiger/Prominente


Das bedeutet nicht, dass Menschen aus einer oder mehreren dieser Gruppen nicht vielleicht doch ein gutes Buch geschrieben haben. Nur der Aufwand, es zu entdecken, führt wenigstens über 75 % schlechter Bücher.

Diese Sichtweise teilen zugegebenermaßen nicht alle – vor allem nicht die zahllosen Autoren dieser Bücher. Es wird immer jemanden geben, der besser und schlauer ist. Natürlich ist das so. Bei jedem ist noch Luft nach oben. Eben da, liegt das Problem. Viele Autoren entwickeln sich nicht weiter, orientieren sich nicht an den Besten; Überwiegend nicht mal an den nächst Besseren.


Was dadurch nun passiert, ist der umgekehrte Fall dessen, wie es eigentlich sein sollte. In der Praxis sieht das in etwa so aus:

1. Harry Potter wurde gelesen und für gut befunden.

2. Ein begeisterter Leser schreibt etwas Ähnliches. Das kommt nicht an das Original heran, aber die Leserschaft findet es trotzdem toll. Immerhin geht es im Buch um Zauberer und Hexen, Ungeheuer, Freundschaft und Liebe.

3. Wieder ein Leser findet dieses Werk Klasse und überlegt sich: „Ha! Das kann ich auch.“ Das Buch wird nun nicht ganz so gut wie unter 2. beschrieben, aber es findet wieder seine Fans.


Und so geht es weiter, bis es am Ende Bücher von Zauberern und Hexen gibt, die selbst Menschen mit einem Wortschatz von 500 noch verstehen können.


Ohne Frage ist es erfreulich, dass heute mehr Menschen lesen als früher. Bedauerlicherweise werden viele dieser Low-Level-Bücher als Fünf-Sterne Werke angepriesen, stehen damit auf einer Stufe mit den ganz Großen - damit meine ich nicht Harry Potter, von denen (mit Recht) nicht ein einziges Buch glatte 5 Sterne hat. Meisterleistungen in der Hülle und Fülle, wie sie in online Buchshops gefunden werden, sind nicht möglich. Sie sind das Ergebnis von zweifelhaften Bewertungen und Aussagen von Laien. Sagen nichts aus, schon überhaupt nichts über die Qualität. Ungeachtet dessen suhlen sich die Schreiberlinge in ihren Fankreisen wie Popstars. Beflügelt von den Sternen der 50 oder 100 Rezensionen, schreiben sie gleich noch ein Buch. Oder zehn...


Die "Verlagslüge"

Einige wird es vermutlich überraschen, aber einen Verlag gefunden zu haben, bedeutet auch nicht, dass man schreiben kann. Das war vor vielen Jahren noch so, zu Beginn des Selfpublisher Zeitalters ;-) . Aber heute darf jeder einen Verlag gründen, genauso wie ein Buch veröffentlichen. Es ist also keine Reputation, wenn das eigene Werk in einem unbekannten, kleinen Verlag erscheint. Zumal viele dieser Verlage nur daraus entstehen, dass Autoren keinen Verlag finden oder mit den Konditionen nicht einverstanden sind. Sie gründen also einen eigenen Verlag mit der Absicht das eigene Werk zu veröffentlichen und in der Annahme, dass ein Verlagsbuch bessere Verkaufschancen und Sichtbarkeit hat, als ein reines Selfpublishing Werk. An der Stelle muss ich immer Grinsen. Wenn du es nicht schaffst die Sichtbarkeit zu erhöhen in dem du selbst dein Buch bei Amazon oder BOD oder... einstellst, dann wird das auch nicht viel werden mit einem neu gegründeten Verlag. Da fehlen dann wohl Betriebswirtschaftliche- und vor allem Marketing Skills.


Selbst wenn das Werk in einem großen Verlag erscheint, bedeutet das nicht mehr zwangsläufig eine gute Qualität. Warum? Weil Verlage nur noch reine Wirtschaftsunternehmen sind. Schafft es jemand, eine große Fangemeinde zu generieren, wollen alle ein Stück des Kuchens abhaben. Ihnen ist häufig völlig egal, welche mindere Qualität sie drucken. Das lässt sich im Übrigen auch an den sich gut verkaufenden Biografien von mehr oder weniger Prominenten sehen.


Und da wären wir bei der Frage: Willst Du Schreiben oder berühmt und reich werden? Insgeheim würde wohl kein Autor ablehnen, berühmt und reich zu sein, aber als Motivation gut zu schreiben, taugt es nicht.


Begegnungen der „dritten“ Art

Wenn der Tag lang ist und lang ist er meistens, sehen sich Autoren häufig mit den Aussagen von sog. Kollegen konfrontiert. Hier ein paar wenige Beispiele von Menschen, die voraussichtlich nie ein gutes Buch schreiben werden, denn derartige Einstellungen und Ansichten behindern das von vornherein. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber hier liegt die Wahrscheinlichkeit vermutlich bei 1 zu 100.000 Büchern.


„Ich schreibe einen Bestseller und verdiene damit Millionen.“

„Die Welt hat auf mich gewartet! Sie muss es nur noch merken.“

„Einen Plot/Struktur brauche ich nicht. Ich schreibe aus dem Kopf.“

„Meine Familie sagt, ich kann toll schreiben.“

„Meine Geschichte muss einfach aufgeschrieben werden für die Nachwelt.“

„Ich habe da mal so einen Film gesehen…“ alternativ: „Buch gelesen.“

„Handwerk wird überbewertet. Ich habe Talent.“

„Ich kenne wen, der ein Buch veröffentlicht hat und der hilft mir.“

„Ich habe einen Schreibkurs gemacht.“

„Welches Genre? Das lässt sich nicht so leicht beantworten.“

„Intention? Was ist das?“

„Spannungsbogen? Also, ich finde mein Buch gut.“

„Eigentlich hat es 450 Seiten, aber nur bei mir am PC, sonst sind es weniger.“

„Meine Testleser sehen das aber anders als Du.“

„Nach einer halben Seite kannst Du nicht wissen, ob mein Buch gut ist!“

"Ich bin kritikfähig! Aber diese Kritik ist Mobbing."

"Darf ich Deine Rezension nach meiner Meinung anpassen?"

"Meine 'Lektorin' sagt aber..."

"Ich lese nicht. Ich bin Autor."


Sollte/kann nun jeder ein Buch schreiben?

Es sollten diejenigen in Erwägung ziehen ein Buch zu schreiben, die folgende Fakten verinnerlicht haben:

- Jedes Jahr werden mehr als 100.000 Bücher veröffentlicht. Nur rund 9% lesen täglich, ca. 13 % mehrmals wöchentlich und fast 30 % nicht mal jeden Monat (Quelle: Statista 2018). Ein Viertel der Deutschen liest nur 5 Bücher pro Jahr (Quelle: Statista).

- Die Mehrheit der Autoren verkauft nicht mehr als 300 Stück jährlich von einem Werk.

- Lottomillionär zu werden ist wahrscheinlicher.

- Man kann nicht davon leben, wenn man 1.000 Exemplare seines E-Books verkauft.

- Kritikfähigkeit bedeutet nicht, nur gute Kritiken annehmen zu können. Wird es kritisiert, ist es wenigstens nicht überflüssig.

- Bestseller zu schreiben ist kein Plan. Ein Bestseller ist per Definition ein Buch, dass sich in einem kurzen Zeitraum zigmal verkauft und häufig danach nicht mehr. Longseller wiederum, sind Werke, die sich über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich verkaufen. Davon lässt sich eher leben.

- Schreibkurse und Bücher zu diesem Thema taugen nur dann etwas, wenn der Dozent/Autor „berühmt“ ist, hohe Verkaufszahlen und Bewertungen vorweisen kann. Ansonsten handelt es sich womöglich um jemanden, der an der enormen Anzahl der Selfpublisher mitverdienen möchte. Ein Schreibkurs macht zudem noch lange keinen guten Autor. Lebenslanges Lernen ist angesagt. Besser sind Fachbücher zum Thema Handwerk des Schreibens.

- Wer etwas schreiben will, was es so schon gibt, kann es lassen.

- Wer meint, Recherchen (auch bei Fantasy oder SciFi) seien überflüssig, sollte es lassen.

- Wer rein nach einer Methode schreibt, wie jemand anderes es empfohlen hat, sollte es erst recht lassen.

- Wer nicht liest, wird nicht gut schreiben können. Bedeutet: Zu Lesen, was anspruchsvoller ist, als der gegenwärtige Wissensstand. Das bereichert den Wortschatz, vergrößert das Vorstellungsvermögen und festigt das handwerkliche Können.

- Und Nein, für das Handwerkliche sind nicht die Lektoren zuständig. Sie geben dem Ganzen den Feinschliff. Sonst könnten die ja gleich selbst schreiben.

- Ohne Geduld und Selbstdisziplin wird das nichts. Und hier ist nicht die Geduld gemeint, die jemand aufbringen muss, um auf den nächsten Zug zu warten. Sondern viele Monate Lebenszeit, die das Schreiben und redigieren kosten wird.

- Wer nicht in der Lage ist, aus dem Stegreif einen kurzen Text frei zu formulieren, braucht sich nicht der Illusion hinzugeben, dass dies bei einem Buch besser ginge.



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