• Stephanie Vonwiller

Was macht einen Klappentext aus? Do‘s und Don‘ts

Klappentexte geben nicht den Inhalt des Buches wieder. Sind also keine Zusammenfassung unter Auslassung der spannendsten Stellen.


Klappentexte enthalten niemals Leseproben z.B. einen Teil aus dem 1. Kapitel.


Sie sind auch nicht super lang. Die Anzahl der Wörter liegt so zwischen 100 und 250 Wörtern. Das Format ist Blocksatz. Wer selbst schon Bücher zum Lesen gesucht hat, kann dies nachvollziehen.


Allerdings gibt es immer wieder Autoren, die einen „halben Roman“ auf ihren Klappentext packen oder eine Art „Verkaufsplattform“ daraus machen. Das wirkt für die meisten Leser eher abstoßend. Ich frage mich oft, wer dies verbreitet oder woher die Autoren diese Informationen haben, dass der Klappentext so sein soll? Manche könnten locker als Texte für einen Home-Shopping-Kanal durchgehen. Gerade im Bereich Ratgeber begegnet mir das oft.


Aber auch sonst gibt es schräge Beispiele und ich sollte wirklich mal anfangen, die schlechtesten zu sammeln…


Was sind darüber hinaus häufige Fehler?

1. Sie geben nicht den Stil des Buches wieder. Wenn der Klappentext nicht zum Schreibstil der Textprobe/Blick-ins-Buch passt, dann ist hier schon einiges schief gelaufen. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieses Werk nicht die Erwartungen trifft. Möglicherweise wurde mehr Wert auf die Verfassung des Klappentextes gelegt, als auf den Inhalt oder/und jemand ganz anderes hat den Klappentext verfasst.


2. Spannung, Spannung, Spannung. Irgendwer muss irgendwo ein Banner aufgehängt haben, denn dies ist eine Mär, die sich hartnäckig hält und viele Selfpublisher zu beratungsresistenten Zeitgenossen macht. Warum? Es gibt „gefühlt“ Millionen Autoren, deren einziges Ziel es ist, Bücher zu verkaufen. Also Geld zu machen. Da prozentual wenige Leser eine Rezension/Meinung im Internet abgeben, funktioniert das System ganz gut. Trotzdem muss deswegen das Buch nicht gut sein und ist es häufig auch nicht. Was ich selbst von so einer Praxis halte, schreibe ich lieber nicht öffentlich hier hin 😉. Ihr denkt, dass dies doch stimmt? Das man doch Spannung erzeugen soll? Ja, wenn du einen z.B. Thriller oder Horror Roman geschrieben hast. Bei den meisten Genre/Sub Genre steht wohl eher „Neugier wecken“ bzw. „Interesse wecken“ im Vordergrund. Aber diesen feinen Unterschied, muss man auch verstehen können 😉. Ein Abenteuerroman oder Science Fiction Werk zum Beispiel, werden nicht mit Spannung anfangen und diese immer weiter steigern (Spannungsbogen). Wozu auch? Der Leser erwartet hier auch anderes. Also, wenn es nicht z.B. ein Science Fiction Buch mit Sub Genre Thriller ist, wird es am Ende enttäuschen, wenn der Klappentext nur auf Spannung aufgebaut ist.


3. Im Klappentext steht etwas anderes als im Buch. Das klingt verrückt? Ja, aber passiert häufiger als man glaubt. Gerade im Fantasy-, Liebesroman- und Erotik- Bereich lässt sich das gut ausmachen. Da wird in einem Klappentext z.B. die außergewöhnliche, fantastische Welt mit den wildesten Kreaturen angepriesen oder eine idyllische Insel mit Kokosnuss Palmen. Leider handelt es sich dann wirklich um einen leichten Abklatsch von Herr der Ringe o.ä. und der gesamte Text dreht sich hauptsächlich nur um eine nervige Liebesgeschichte. Und die Insel ist auch nur als Kulisse da. Versteht mich nicht falsch! Natürlich gibt es Leser, die genau das suchen. Aber für die Leser, die etwas anderes erwartet haben, ist es ein Vortäuschen falscher Tatsachen.


4. „Wer Bücher wie XXX mag, wird auch mein Buch lieben.“ WAS? Nein! Geht gar nicht. Entweder werden hier dann wirklich große Werke aufgezählt oder irgendwelche Bücher anderer Selfpublisher, die kein Mensch kennt. Beides ist unmöglich! Wie vermessen! Wie selbstüberschätzend kann man bitte sein? Davon mal abgesehen, dass Leser sich häufig davon blenden lassen und wir wieder bei dem Vortäuschen falscher Tatsachen sind, trifft es schlicht super selten zu. Aber leider ist dies auch so ein Tipp, den ich immer wieder irgendwo lese. Leute! Wenn Verlagsbücher mal damit werben…, aber als Selfpublisher aus eigenem Empfinden heraus oder weil irgendeine Testlesertante das meinte?


Es gibt noch mehr Beispiele, aber das soll erstmal hier genügen.


Wie schreibt man nun einen guten Klappentext?

- Natürlich soll der Leser den Stil des Buches bereits im Klappentext erkennen, damit er weiß worauf er sich einlässt. Das ist einfacher gedacht, als umgesetzt. Bücher werden mit einem personalisiertem Erzähler, einem übergeordneten Erzähler oder in der Ich-Form geschrieben. - - Meist zeitlich in der Vergangenheit.

- Der Klappentext im allgemeinen, wird jedoch im Präsens verfasst und eher aus der Übergeordneten Ebene (3. Person) heraus.

- Natürlich muss er fehlerfrei sein.


Der (Kurz)Aufbau kann so aussehen:

1. Anfang mit Emotionen oder/und Zitat aus dem Buch. Eine provokante Frage oder Provokation geht auch.

2. Konflikt bzw. ein Wendepunkt

3. Worum geht’s?

4. Ziel – welche Geschichte wird erzählt?

5. Was ist drin für den Leser (Erkenntnisgewinn)?

6. evtl. Cliffhanger / „Call to Action“


Schauen wir uns die Klappentexte von drei Klassikern mal nach diesen Gesichtspunkten an:


Stolz und Vorurteil von Jane Austen

(1.)Nicht weniger als fünf Töchter haben die Bennets standesgemäß unter die Haube zu bringen. (3.)Kein leichtes Unterfangen für eine Familie auf dem Land, die nur über ein bescheidenes Vermögen verfügt. (2.)Ausgerechnet die intelligente Elizabeth, das Lieblingskind des Vaters, erweist sich als besonders schwieriger Fall. (5.)Zum allgemeinen Unverständnis hat sie die Stirn, den Antrag eines wohlsituierten Pfarrers auszuschlagen. (4.)Statt dem Drängen der Familie nachzugeben, folgt Elizabeth hartnäckig ihrem eigenen Urteil ...(6.)


Ihr seht schon, die Reihenfolge muss nicht zwangsläufig eingehalten werden.

Der Klappentext fängt mit einer Provokation an (1.). So ziemlich jeder kann sich vorstellen, welchen Aufwand es bedurfte, fünf Töchter verheiraten zu müssen bzw. aus unserer heutigen Sicht regt sich Widerstand, warum die Töchter nicht selbst entscheiden durften, ob sie heiraten wollen. Als nächstes wird die Frage, worum es geht (3.), vorweggenommen. In einem Satz erfahren wir jetzt, dass es eine Familie auf dem Land ist, die ihre Töchter verheiraten muss. Allerdings sind sie nicht besonders vermögend. Da haben wir doch gleich Bilder im Kopf von hohen Mitgiften und die Frage: Wie sollen die das nur machen? Dazu auch noch (2.) ein Konflikt. Ausgerechnet das Lieblingskind und die intelligente Tochter der Familie stellt sich quer. 5. ist nicht so leicht zu entdecken, aber in diesem Satz steckt tatsächlich der Erkenntnisgewinn für die Leserschaft. Wir können uns also auf eine frühe Form der Emanzipierung freuen und das Bild einer starken Frau. Das Ziel unter 4. ist hier im Klappentext der letzte Satz, welcher auch mit einem Cliffhänger (6.) endet. Wir wissen so jetzt, dass in dem Buch die Geschichte von Elizabeth erzählt wird, die ihrem eigenen Weg folgt, aber uns wird nicht verraten, wie dieser aussieht. Außerdem ist klar, dass es sich um einen historischen Roman handelt.

Ganz interessant ist hier, dass vieles nicht so offensichtlich behandelt wird, dass der Leser (oder ich) es erkennen könnten und doch ist es da. Schon fast genial, oder was meint ihr?


Die Buddenbrooks von Thomas Mann

(1.)»Es ist eine hervorragende Arbeit, redlich, positiv und reich«, urteilte S. Fischers Lektor Moritz Heimann nach der Lektüre des Manuskripts über Thomas Manns ersten Roman, seinen wohl am meisten gelesenen, am meisten verbreiteten. ›Verfall einer Familie‹ – sein Untertitel scheint ihn einzureihen in eine bestimmte Gattung, aber »der Zug zum Satirischen und Grottesken«, der darin steckt, hebt ihn zugleich davon ab, gibt ihm einen eigenen Charakter, eigene Wirkung bis in die Gegenwart (4. und 5.). Thomas Mann erzählt nur wenig verschlüsselt die Geschichte seiner Familie und ihrer Stellung in der Vaterstadt Lübeck, soweit er sie nachvollziehen, in Einzelheiten überblicken konnte, ja sogar noch miterlebt hat. Verwandte, Honoratioren und markante Persönlichkeiten seiner Jugend werden integriert. Den meisten Raum nimmt das Leben Thomas Buddenbrooks ein, »ein modernes Heldenleben«; sein Sohn Hanno wird einen langen Strich unter die Genealogie der Familie setzen und sich rechtfertigen mit den Worten: »Ich glaubte ... ich glaubte ... es käme nichts mehr ...« (2. und 3.) In denmehr als hundert Jahren seit seinem ersten Erscheinen hat der Roman unzählige Menschen in seinen Bann gezogen und hat bis heute nichts an Charme und Aktualität eingebüßt.(6.)


Wenn wir diesen Klappentext mit dem davor vergleichen, kann dieser dilettantisch und schlecht wirken. Schauen wir ihn uns mal genauer an, ob dieser Eindruck wirklich zutrifft.

Auch hier wird mit einer Provokation (1.) angefangen. Da behauptet jemand etwas und wir fühlen uns herausgefordert, dies zu überprüfen. Es ist eine emotionale Provokation, denn sie suggeriert, dass wir hier etwas ehrliches und positives vorliegen haben. Auf das Wort „reich“ reagieren wir ohnehin 😉. Dann wird uns hier gesagt, dass ein „Fachmann“ das Werk als hervorragend einordnet. Der Zusatz „am meisten gelesen“ und „am meisten verbreitet“ suggeriert, dass wer es nicht liest, wohl nicht dazugehört. Schlau gemacht. Allerdings ist dieser erste Satz, schon ein nervig langer Schachtelsatz.

Der zweite Satz ist noch länger geschachtelt. Einen leicht zu lesenden Roman, haben wir hier also nicht vor uns liegen. Spätestens jetzt sollte das klar sein. Hier werden gleich 4. und 5. zusammengefasst. Als Leser erwartet mich demnach ein sprachlich umfangreiches Werk, welches den Verfall einer Familie auf satirische und groteske Art beschreibt.

2. und 3. folgt hier erst anschließend. Der letzte Satz, die Aufforderung für den Leser, dass er unbedingt das Buch haben muss (6), da es heute wie damals aktuell ist. Und aktuell wollen wir ja sein 😉. Der Satz enthält jedoch einen Rechtschreibfehler, was ein No-Go ist.

Alles in allem ist dieser Klappentext meines Erachtens nach, sehr durchdacht, auf die Zielgruppe zugeschnitten, geschrieben worden.


Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien / Übersetzung: W. Krege

Der Schauplatz des Herrn der Ringe ist Mittelerde, eine alternative Welt, und erzählt wird von der gefahrvollen Quest einiger Gefährten, die in einem dramatischen Kampf gegen das Böse endet. (1. und 2.) Durch einen merkwürdigen Zufall fällt dem Hobbit Bilbo Beutlin ein Zauberring zu, dessen Kraft, käme er in die falschen Hände, zu einer absoluten Herrschaft des Bösen führen würde (3.). Bilbo übergibt den Ring an seinen Neffen Frodo, der den Ring in der Schicksalskluft zerstören soll.(4. und 6.) Der Übersetzer Wolfgang Krege ist einer der profundesten Kenner Mittelerdes. Er hat die wichtigsten Bücher J. R. R. Tolkiens übersetzt (»Das Silmarillion«, den »Hobbit«), sowie Tolkiens Essays und den von Humphrey Carpenter herausgegebenen umfangreichen Briefwechsel Tolkiens, und er ist der Autor der Tolkien-Enzyklopädie »Handbuch der Weisen von Mittelerde«, dem Standardwerk, in dem alle Fragen zu Tolkien beantwortet werden, sowie eines elbischen Wörterbuchs.(5.)


Der erste Satz gleicht hier dem Pitch. Gut umgesetzt findet sich hier der versteckte 1. Punkt. Nicht klassisch umgesetzt, aber doch erkennbar. Hier wird eine alternative Welt genannt, die beim interessierten Leser sofort Emotionen weckt. Dazu wird ein Konflikt (2.) mit dem Bösen erwähnt. Im nächsten Absatz findet sich 3. Die Auflösung zur Frage „Worum geht es im Buch“. Gleich anschließend wird kurz und knapp 4. und 6. behandelt. Dem Leser ist nun klar, welche Geschichte hier erzählt wird und der Cliffhänger, dass der Leser nicht erfährt wie Frodo den Ring zerstören wird, erzeugt Neugier.

In diesem Klappentext wurde viel Wert auf 5., dem Mehrwert für den Leser gelegt. Bei rund 1.300 Seiten durchaus sinnvoll.

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Vielleicht sehr ihr das anders und würdet die Klappentexte anders analysieren. Vielleicht ist es euch auch egal, wie andere Leute ihre Klappentexte schreiben. Und auch mein Vorschlag ist sicher nicht allgemein gültig. Dennoch hoffe ich, dass er euch hilft, wenn ihr unsicher seid, wie man einen Klappentext schreibt.

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