• Stephanie Vonwiller

Zartbitter

Aktualisiert: Juni 26



Wie jeden Abend, lief Namika über den historischen Marktplatz von Coburg. Sie liebte die Erker, Schnörkel, Malereien und die kleinen Fenster, aus denen warmes Licht fiel und alles in einen mystischen Glanz tauchte. Die meisten der Gebäude stammten, wie ihr Lieblingshaus, die Hofapotheke, aus dem 15. Jahrhundert.

Das lag aber nicht daran, dass sie hier jeden Abend für die Reinigung zuständig war und dafür bezahlt wurde. Einmal hinein gegangen wurde der Besucher in eine andere Zeit versetzt.

Die hohen, dunklen Regale dufteten nach altem Holz und waren vollgestellt mit Gläsern, Tiegeln und Dosen. Der ganze Raum war erfüllt mit allerlei herrlichen Gerüchen.

Unzählige kleine, quadratische Schubladen, beherbergten Zutaten zur Herstellung von Tabletten und Salben. Hier fanden sich Blumen und Kräuter für Teemischungen, Gewürze und Pflanzen für Pasten, aber es waren auch Schlangen und Totenköpfe abgebildet, als Zeichen für gefährliche Ingredienzien. Namika fragte sich oft, was sich wohl in all den Jahrhunderten in diesen Mauern zugetragen hatte.

Vor dem Betreten des Hinterzimmers musste sie sich durch eine niedrige, alte Holztür bücken. Der düstere Raum war mit Ebenholz verkleidet und beherbergte hohe, massive Holzeinbauten, in denen sich dicht an dicht, kleine Schubladen drängten. Die noch erhaltenen Fragmente, der in Gold gezeichneten Aufschriften, ließen es oft nicht mehr zu, einen Rückschluss auf den ehemals enthaltenen Inhalt zu ziehen. Aber auch wenn alle Schubladen längst leer waren, Namika öffnete jeden Abend ein paar davon. Sie sog den Duft ein und versuchte zu erraten, um was es sich vor langer Zeit gehandelt haben musste. Ihre Lieblingsschublade - und das war auch die einzige, die sie jeden Abend aufzog - trug die Aufschrift „Theobroma cacao“. Sie liebte diesen herben Geruch nach Schokolade.

Als sie sich wieder einmal über diese Schublade beugte, vernahm sie eine leise Stimme:

„Entschuldigen Sie verehrtes Fräulein, dass ich mich erdreiste Sie anzusprechen. Erlauben Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle. Gestatten, Schnauß, Apotheker Cyriacus Schnauß.“

Namika sah zur Tür. Im diffusen Licht, das die Deckenlampe warf, konnte sie niemanden erkennen.

„Das menschliche Auge kann nicht alles erblicken. Nur Sterbliche, mit einem sonderlichen Sinn, können die Toten fühlen und hören.“

Namika ließ sich nicht so schnell erschrecken. In ihrem Heimatdorf in Äthiopien, glaubten die Menschen daran, dass jeder seine Aufgaben im Dieseits beenden muss, um ins Jenseits gelangen zu können.

Der Apotheker war anscheinend dazwischen gefangen und wollte nun etwas Unerledigtes erledigen.

Nach einer Weile, war sie mit seiner Art, sich auszudrücken vertraut. Mit der Zeit entstand eine geheime Freundschaft zwischen ihnen. Oft redeten sie bis tief in die Nacht und manchmal ging die Sonne schon auf, als Namika die Apotheke verließ. Cyriacus kannte viele Ereignisse aus fast 500 Jahren und ließ sie daran teilhaben.

Im Jahre 1538 lehnte der Stadtrat die Eröffnung einer Apotheke in Coburg ab, mit der Begründung eines fehlenden Stadtmedikus. Kurz darauf, als sich ein Arzt in der Stadt niederließ, aber der Stadtrat Cyriacus erneut zurückwies, wiedersetzte er sich und eröffnete seine Apotheke trotzdem.

Die Ratsherren jedoch sperrten die Apotheke umgehend wieder. Cyriacus wandte sich an den regierenden Herzog Johann Ernst, der den Rat letzten Endes davon überzeugte, dass eine Einrichtung dieser Art notwendig sei.

Cyriacus sprach mit Stolz davon, dass seit dieser Zeit, die Apotheke ununterbrochen, bis zum heutigen Tag betrieben wird.

Zwei Jahre vor seinem Tod im Jahre 1564, war Cyriacus bei einem Empfang in der Ehrenburg eingeladen. Dort wurde ein Getränk von unbeschreiblicher Köstlichkeit serviert.

Ein spanischer Kapitän hatte dem Herzog, von einer Reise, einen Beutel Xocoatl mitgebracht. Mit warmem Zuckerwasser aufgekocht, ergab das Kakaopulver ein zartbitteres, unvergleichlich duftendes und wohlschmeckendes Getränk. Cyriacus bat den Herzog, ihm einen kleinen Teil von der Kostbarkeit zur Erforschung zu überlassen.

In vielen Selbstversuchen entdeckte er dann geheimnisvolle Heilkräfte und nebenbei eine stimmungsaufhellende Wirkung. Zum Beispiel fördert eine Mischung aus Xocoatl mit etwas Honig und Kamille die Wundheilung. Hierfür schnitt er sich eigens in beide Arme. Die Wunde am rechten Arm, die er mit der Cacao-Paste bestrichen hatte, heilte um Tage schneller.

Cyriacus starb jedoch bevor er alle seine Forschungen veröffentlichen konnte. Namika fand das sehr schade.

Cyriacus bedauerte, dass Schokolade dann nur noch als Kräftigungsmittel in Apotheken verkauft wurde. Aber auch das endete im 19. Jahrhundert.

Danach verschwand sie völlig aus dem medizinischen Bereich und die Vorteile für die Gesundheit gerieten mehr und mehr in Vergessenheit. Namika, die in ihrer Heimat Pharmazie studiert hatte, versprach Cyriacus zu helfen.

Dankbar erklärte er ihr Ursache und Wirkung und weihte sie in seine Geheimnisse ein. Namika sprach in dieser Zeit kaum ein Wort und richtete nur hin und wieder Fragen an ihn. Sie notierte sich alles in einem Notizbuch:

  • Die Inhaltsstoffe Theobromin und Anandamin senken den Blutdruck und mildern Hustenanfälle.

  • Kakaopulver mit einem Sud aus Gewürznelke vermischt wirkt karieshemmend und dient als Mundwasser.

  • Herzschützende Wirkstoffe im Blut können durch den Genuss verstärkt werden.

  • Nicht gleichzeitig mit Milch aufnehmen. Damit würde alle Wirkung des Kakao auf das Herz wieder aufgehoben werden.

  • Schwarz-Beeren-Kakao bei Fieber.

  • Aloe-Vera-Kakaopaste gegen Falten

  • Kakao-Leinöl zur Therapie bei Hautschäden.

  • Magnesium-Koriander-Kakaotrunk verringert das Risiko von Magengeschwüren.

Namika schrieb auch unzählige Heilrezepte auf.

Damit könnte Sie ihm nun helfen im Jenseits seine Ruhe zu finden. Sie würde an seiner statt, die Heilrezepte an nachfolgende Generationen weitergeben.

Cyriacus gab zu bedenken, dass man ihr kaum glauben würde. Man würde sie in der Welt der Wissenschaft und Medizin nicht ernst nehmen und sie als Hochstaplerin bezeichnen.

Das ließ sich nicht von der Hand weisen und ihre Verbindung zu Cyriacus war dazu nun auch nicht gerade geeignet.

Nach drei Nächten intensivem Nachdenkens fanden sie eine Lösung.

Sie würde eine Geschichte schreiben und sie abdrucken lassen. Gerade mit genug Informationen, dass die Menschen aufmerksam werden würden. Nach und nach wollte Namika dann die Heilrezepte weitergeben, bis das Wissen um die Heilkraft, wieder in den Köpfen der Menschen zurück wäre.

Cyriacus nickte zufrieden.

Sie klappte das Notizbuch zu und wollte sich bedanken, aber der Apotheker war verschwunden.

Seit langem lächelte Namika, als sie an diesem Abend in ihr Zimmer zurückkehrte und sich an ihren Schreibtisch setzte. Sie nahm einen Block und Stift und begann die sagenhafte Geschichte aufzuschreiben.

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